Der digitale Renaissance-Schatz

24.04.2026 von Matthias Münch in Jahrbuch, Wissenschaft, Forschung, Wissenstransfer
Rund 3.500 Bände aus der Renaissancezeit werden an der Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt (ULB) digitalisiert. Sie gehören zur von Alvenslebenschen Bibliothek, die im Schloss Hundisburg in Haldensleben untergebracht ist. Das Projekt ist Teil der Digitalisierungsoffensive der ULB. Historische Buchbestände werden so öffentlich zugänglich gemacht.
Christian Eisner, Mitarbeiter in der ULB, digitalisiert ein Buch aus dem Jahr 1596 aus der von Alvenslebenschen Bibliothek.
Christian Eisner, Mitarbeiter in der ULB, digitalisiert ein Buch aus dem Jahr 1596 aus der von Alvenslebenschen Bibliothek. (Foto: Heiko Rebsch)

„Dieses Exemplar ist außergewöhnlich“, sagt Dr. Julia Knödler, Abteilungsleiterin Historische Sammlungen der ULB. Die Druckschrift aus dem 16. Jahrhundert, die sie in der Hand hält, ist in ein gelblich-braunes, handbeschriebenes Pergament gebunden. Nachforschungen haben ergeben, dass es sich dabei um die lateinische Übersetzung der „De materia medica“ handelt – eines medizinischen Standardwerks, in dem der griechische Arzt Dioskurides, der zu Zeiten Kaiser Neros lebte, die Heilwirkung von Pflanzen, Tieren und Mineralien beschreibt. Das Pergament, von dem nur Fragmente erhalten sind, kann aufgrund der Schriftmerkmale auf das 9. Jahrhundert datiert werden. Zur Einordnung: In dieser Epoche zerfiel das Frankenreich nach dem Tod Karls des Großen, die Wikinger starteten ihre Raubzüge entlang der europäischen Küsten, und Halle wird zum ersten Mal urkundlich erwähnt. „Solche Zeugnisse sind extrem selten und belegen die Kontinuität antiken medizinischen Wissens im frühen Mittelalter“, erklärt Knödler. 

Das barocke Schloss Hundisburg. In ihm ist die von Alvenslebensche Bibliothek untergebracht.
Das barocke Schloss Hundisburg. In ihm ist die von Alvenslebensche Bibliothek untergebracht. (Foto: picture alliance / imageBROKER | Gerald Abele)

Entdeckt wurde das Pergament auf Schloss Hundisburg in Haldensleben. Hier, etwa 30 Kilometer nordwestlich von Magdeburg, befindet sich die von Alvenslebensche Bibliothek – eine Sammlung von über 6.000 Bänden aus dem 16. und 17. Jahrhundert mit überwiegend theologischen, juristischen, geschichtlichen und naturwissenschaftlichen Texten. Den Grundstein für die Bibliothek, die zu den bedeutendsten privaten Büchersammlungen der Renaissancezeit auf deutschem Boden zählt, legte der Humanist und Reformator Joachim von Alvensleben (1514–1588), ein bedeutender Vertreter des Adelsgeschlechts. Die Bibliothek wurde im Laufe der Jahrhunderte geteilt, erweitert und mehrfach umgelagert: aus Erxleben nach Stendal und Hundisburg, zurück nach Erxleben und nach 1945 nach Loccum und Wolfenbüttel. 2012 überführte die Familie die Bestände wieder nach Hundisburg – seitdem ist die von Alvenslebensche Bibliothek eine Außenstelle der ULB und wird von ihr wissenschaftlich betreut.

Ein Großteil des Bibliotheksbestandes – etwa 3.500 Bände mit insgesamt über einer Million Seiten – wird nun bis 2027 digitalisiert. Unterstützt wird das Projekt durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) mit mehr als 800.000 Euro. „Wir haben zuerst recherchiert, welche Werke nicht bereits von anderen Bibliotheken digitalisiert worden sind, denn die Sammlung enthält ja nicht nur Unikate“, sagt Julia Knödler. „Unabhängig davon interessieren uns alle Bände, die einen besonderen Schmuck auf dem Einband tragen oder mit Randnotizen versehen sind, die zum größten Teil von Joachim von Alvensleben selbst stammen.“ An der Vorsortierung auf Schloss Hundisburg beteiligten sich auch die Erben des Bibliotheksgründers, denen das Projekt ein wichtiges Anliegen ist: „Die Digitalisierung ist der Sprung in eine öffentliche Verfügbarkeit, ohne dass die wertvollen Originale dafür aus den Regalen genommen werden müssen“, erklärt Busso von Alvensleben, aktueller Vorsitzender der Familie. „Unsere Sammlung gehörte Anfang des 17. Jahrhunderts zu den frühesten Beispielen einer öffentlich zugänglichen Bibliothek. In dieser Tradition stehen wir auch heute.“ 

Gescannt werden die Einbände und Buchseiten nicht in Haldensleben, sondern in Halle: Die bis zu 550 Jahre alten Exemplare werden mit einem Kleintransporter zur ULB gefahren und nach der Digitalisierung wieder zurückgebracht. Mit dem Scannen allein ist es nicht getan, denn um die Bibliothek für eine digitale Nutzung zu erschließen, spielt die Texterkennung eine entscheidende Rolle. Zwar gab es im 16. Jahrhundert bereits den von Gutenberg entwickelten Buchdruck, allerdings waren die Drucktypen sehr heterogen. Die ULB greift hier auf eine einzigartige Expertise zurück: „Im Zuge früherer Digitalisierungsprojekte, etwa bei Bänden aus den Franckeschen Stiftungen und der Marienbibliothek, haben wir die Verfahren der automatischen Texterkennung systematisch verbessert“, sagt ULB-Direktorin Anke Berghaus-Sprengel. Die Digitalisate bieten verschiedene Zugänge zu den Texten: Zum einen lässt sich durch Kapitel und Abschnitte navigieren, zum anderen ist es möglich, bestimmte Passagen per Volltextsuche aufzurufen. 

Der zunehmend wachsende Katalog führt nicht nur zu den Digitalisaten und Volltexten der von Alvenslebenschen Sammlung: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der ULB vermerken dort auch Hinweise zu handschriftlichen Bemerkungen, zu besonderen Verzierungen oder zu den jeweiligen Vorbesitzern, über die man mit einem Mausklick mehr erfahren kann. Die kompletten Bände können online betrachtet oder in verschiedenen Dateiformaten und Auflösungen heruntergeladen werden. Auch die Provenienz, also die Herkunft der Bände, wird sorgfältig recherchiert. „Manche Bücher der Bibliothek haben eine besondere Geschichte“, erzählt Berghaus-Sprengel. „Eines gehörte zum Beispiel Johannes Scheyring, wie wir den Notizen auf dem inneren Einband entnehmen konnten. Später gelangte es in den Besitz des Klosters Berge bei Magdeburg und von dort in die von Alvenslebensche Bibliothek.“ Scheyring war Rektor der Universität Leipzig und später Domherr zu Magdeburg und Halberstadt – sein von Lucas Cranach d. Ä. geschaffenes Porträt zierte 26 Jahre lang den 1.000- Mark-Schein der Deutschen Bundesbank.

Zurück zum Pergament aus dem 9. Jahrhundert. „Es war damals üblich, Handschriften, die man nicht mehr benötigte, zu zerlegen und als Buchbindematerial zu verwenden“, erklärt Julia Knödler. Fest steht, dass das Fragment nicht Teil jener drei Dioskurides-Übersetzungen aus dem 9. Jahrhundert ist, die bislang bekannt waren. Die Bilder sollen nun in einer Fragmenten-Datenbank hochgeladen werden – in der Hoffnung, dass sich dadurch weitere Teile der Handschrift finden. „Damit würden sich Teile eines uralten Puzzles zusammenfügen“, sagt Knödler. „Die Arbeit einer Bibliothekarin kann sehr spannend sein.“

Digitalisierung an der ULB

In den 2000er Jahren hat die ULB mit der Digitalisierung historischer Drucke und Schriften begonnen. Der Fokus liegt auf Werken des 16. bis 18. Jahrhunderts, auf mittelalterlichen Handschriften und Urkunden sowie historischen Tageszeitungen und geografischen Karten. Auch war die ULB Kooperationspartnerin für Häuser, die keine eigene Infrastruktur für Digitalisierung haben, etwa die Marienbibliothek in Halle und die Franckeschen Stiftungen. Der Großteil dieser Arbeit wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert. Auf der Digitalisierungsstrecke können Vorlagen bis zum A0-Format gescannt werden, die generierten Volltextdaten ermöglichen eine präzise Texterkennung und damit einen leichteren Zugang für die Forschung. Stand Februar 2026 sind 116.000 Bücher mit insgesamt 17 Millionen Seiten, 250.000 Zeitungsausgaben und 1.000 Karten digitalisiert. Mit der Arbeit wird sichergestellt, dass diese einzigartigen Materialien dauerhaft erhalten und zugänglich bleiben.

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