Verfolgt, vertrieben, ermordet

24.04.2026 von Tom Leonhardt in Jahrbuch, Campus, Wissenschaft
Über 100 Jahre alt ist die Promotionsschrift von Mojssej Woskin-Nahartabi, die seit 2025 erstmals gedruckt vorliegt. Mit der Veröffentlichung gedenkt die Universität des in Auschwitz ermordeten Wissenschaftlers, der einer der mindestens 43 Hochschullehrer war, die nach 1933 aus politischen und rassistischen Gründen aus dem Dienst der Universität entlassen wurden. Bei der Aufarbeitung der eigenen Geschichte in den Diktaturen des 20. Jahrhunderts nimmt die MLU weiterhin eine Vorreiterrolle ein.
Friedemann Stengel im Archiv der Universität mit der Akte von Mojssej Woskin-Nahartabi
Friedemann Stengel im Archiv der Universität mit der Akte von Mojssej Woskin-Nahartabi (Foto: Anna Kolata)

Nach dem Ersten Weltkrieg war Dr. Mojssej Woskin-Nahartabi einer der wichtigsten Vertreter des Neuhebräischen in Deutschland. Er hatte an der Universität Halle studiert und hier auch 1924 seine Promotion „Die Entwicklung der hebräischen Sprache von ihrem literarischen Beginn bis zur Vollendung des wissenschaftlichen Stiles“ vorgelegt. Bis 1934 konnte er an der Universität als Lektor für Rabbinische Sprache und Literatur arbeiten und unterrichtete Hebräisch, Aramäisch, Mischna, Midrasch, Talmud, Kabbala und hebräische Literatur. Entlassen wurde er aufgrund des sogenannten „Arierparagraphen“; er emigrierte 1936 in die noch freie Tschechoslowakei. Im Sommer 1943 wurde er zusammen mit seiner Frau Fanja und der damals 16-jährigen Tochter Tamara in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Am 19. Oktober 1944 wurde die Familie im Vernichtungslager Auschwitz ermordet. 

Woskin-Nahartabi war lange Zeit vergessen, ebenso seine Promotionsschrift, sie existierte nur in drei Exemplaren. Im Juni 2025 wurde im Rahmen einer Gedenkveranstaltung zu Ehren des bedeutenden Wissenschaftlers erstmals eine Druckfassung der Arbeit vorgelegt, die im Universitätsverlag Halle-Wittenberg erschienen ist. Erarbeitet wurde die Ausgabe von Prof. Dr. Friedemann Stengel, Leiter der Rektoratskommission zur Aufarbeitung der Universitätsgeschichte in den Diktaturen des 20. Jahrhunderts, und Jens Kotjatko-Reeb, Hebräisch-Lektor an der Universität Halle. „Die Universität kann keine rechtlich relevante Rehabilitierung aussprechen. Aber wir können an die Opfer der Diktaturen erinnern, an ihre Biografien und an ihre wissenschaftlichen Leistungen“, sagt Friedemann Stengel. 

Mit der Gedenkveranstaltung für Woskin-Nahartabi knüpfte die Universität auch an das 2013 begangene offizielle Gedenken an die 43 ab 1933 entlassenen Hochschullehrer an. Zusätzlich wurden die Biografien der 43 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in einem umfangreichen Band präsentiert. Seitdem widmet sich die von Stengel geleitete Rektoratskommission kontinuierlich der Universitätsgeschichte in den beiden Diktaturen des 20. Jahrhunderts und arbeitet mit dem Ziel, die wissenschaftshistorischen Biografien der von Verfolgung betroffenen Universitätsangehörigen aufzuarbeiten und zu veröffentlichen. 

So liegt auch ein weiterer Schwerpunkt der Kommissionsarbeit auf den Personen, die Opfer politischer Verfolgung in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und in der DDR geworden sind. 2019 fand auch für diese politisch Verfolgten eine Gedenkveranstaltung statt, bei der eine Gedenkstele auf dem Universitätsplatz enthüllt wurde. In Kooperation mit der Sprechwissenschaft und der Medien- und Kommunikationswissenschaft entstand zudem das Dokudrama „Die Zerschlagung des Spirituskreises“ über das im Auftrag der SED inszenierte Verbot einer Runde von zwölf bürgerlichen und christlichen Wissenschaftlern der MLU in den 1950er Jahren. 

„Bisher wurde sich zu wenig mit den Erfahrungen dieser politisch Verfolgten, religiös Nichtkonformen oder Oppositionellen in SBZ und DDR auseinandergesetzt“, sagt Stengel. In akribischer Archivarbeit hat die Kommission Beschäftigte, Lehrende und Studierende der Universität recherchiert, die in der SBZ oder DDR aus politischen Gründen bedrängt, diszipliniert, exmatrikuliert, verhaftet, oft zu Haftstrafen verurteilt wurden und in einigen Fällen auch zu Tode gekommen sind. Insgesamt konnte das Team 228 dokumentierte Exmatrikulationen bestätigen. Zu 219 in der DDR verfolgten Personen hat die Kommission im Austausch mit den Betroffenen Biogramme erstellt. Wie auch die Biogramme der im Nationalsozialismus entlassenen Hochschulangehörigen wurden sie in dem Onlinelexikon „Catalogus Professorum Halensis“ veröffentlicht. „Diese Datenbank ist ein Alleinstellungsmerkmal für die Martin-Luther-Universität. Mir ist kein vergleichbares Projekt an einer anderen deutschen Universität bekannt“, so Stengel weiter. 

Abgeschlossen ist die Arbeit der Kommission freilich noch lange nicht: Für 190 weitere, teilweise nur schwer ermittelbare Personen aus der DDR-Zeit stehen noch Biogramme aus. Für die NS-Zeit sind die Recherchen zu betroffenen Mitarbeitenden, Lehrenden und insbesondere Studierenden geplant. Und auch die Schriftenreihe, in der Woskin-Nahartabis Promotion erschienen ist, soll um weitere unveröffentlichte, teils verbotene oder nur handschriftlich überlieferte Texte ergänzt werden. „Uns geht es nicht nur darum, die Geschichte dieser Personen in Erinnerung zu halten. Die Aufdeckung von Repressionen und Unfreiheit ist Demokratiebildung“, sagt Stengel. 

Mehr Informationen unter: www.theologie.uni-halle.de/kg/friedemann_stengel/rektoratskommission_aufarbeitung 

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