„Tenure Track heißt Bewährungsphase“

12.05.2022 von Katrin Löwe in Campus, Hochschulpolitik, Wissenschaft
Die Umsetzung des Bund-Länder-Programms zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses hat an der MLU Fahrt aufgenommen. Erst 2018 hatte der Senat entschieden, den Karriereweg Juniorprofessur mit Tenure Track zu etablieren. Mittlerweile sind die ersten geförderten Professuren besetzt, ein Begleitprogramm wurde geschaffen. Im Interview blickt Prof. Dr. Johanna Mierendorff, Prorektorin für Personalentwicklung und Struktur, auf die Entwicklung in ihren vier Jahren Amtszeit zurück.
Johanna Mierendorff ist seit 2018 Prorektorin für Personalentwicklung und Struktur.
Johanna Mierendorff ist seit 2018 Prorektorin für Personalentwicklung und Struktur. (Foto: Markus Scholz)

Frau Mierendorff, die Universität Halle ist im Jahr 2019 in das sogenannte Tenure-Track-Programm von Bund und Ländern aufgenommen worden. Wie ist heute der Stand?
Johanna Mierendorff: Bislang sind vier der neun geplanten Juniorprofessuren mit Tenure Track besetzt, bei einer weiteren liegt bereits die Rufannahme vor. Die letzte Besetzung soll im März 2023 stattfinden.

Beworben hat sich die MLU in der zweiten Runde des Programms. Vor welchem Hintergrund?
Es gab vorher auch Juniorprofessuren in Halle – häufig ohne Tenure Track –, sie waren aber nicht strategisch als Idee der strukturellen Förderung junger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in einer frühen Karrierephase etabliert und sind insgesamt nur selten genutzt worden. Gewählt wurde dies Option teilweise dann, wenn keine geeigneten Bewerberinnen und Bewerber für W2-Professuren gefunden wurden und sich die Fakultäten über eine W1-Professur die Möglichkeit des Aufbaus eines Bereichs erschlossen haben. Auch bei gemeinsamen Berufungen mit außeruniversitären Einrichtungen spielte die Juniorprofessur eine Rolle – gerade für international ausgerichtete Einrichtungen war und ist es ein großes Qualitätsmerkmal, bereits in einer frühen Karrierephase eine Professur anbieten zu können und damit für ein internationales Feld an Bewerberinnen und Bewerbern attraktiv zu sein. Dann kam das Tenure-Track-Programm des Bundes. In den Prorektoraten fand sich bereits 2017 ein sehr engagierter Kreis von Beschäftigten, der dieses Programm als echte Option für die MLU sah und dem Prorektor für Forschung Prof. Dr. Wolfgang Paul und mir direkt nach unserem Amtsantritt im September 2018 das Programm und seine Ideen vorgestellt hat.

… und offenbar auf Zustimmung gestoßen ist.
Ja. Es gab dann eine wirklich sehr gute Zusammenarbeit, auch mit der Abteilung Personal, die damals am Personalentwicklungskonzept für das wissenschaftliche Personal gearbeitet hat. Das Konzept war Voraussetzung für unseren Antrag, den wir in kürzester Zeit mit viel Energie erstellt haben. Anfang Januar 2019 musste er eingereicht werden – vorher musste er aber noch zusammen mit der Berufungs- und Evaluationsordnung sowie dem erwähnten Personalentwicklungskonzept, beide wurden ebenfalls erst als entscheidungsreife Vorlagen erarbeitet, im Senat verabschiedet werden. Was für ein Kraftakt! Ich erinnere mich noch an den 23. Dezember 2018: Alle wollten in den Weihnachtsurlaub, wir haben hier im Prorektorat zu dritt gesessen und den Antrag fertiggestellt – mit Pralinen, die uns der Rektor am Abend noch vorbeigebracht hat. Aber wir haben es geschafft!

Die MLU hat dann 8,5 Millionen Euro für neun Tenure-Track-Professuren erhalten. Wieso neun?
Die Strategien der Universitäten sind unterschiedlich. Manche wollen über dieses Programm und das Einsetzen von Tenure-Track-Professuren einen konkreten wissenschaftlichen Schwerpunkt fördern. Wir haben gesagt: Die Idee der Tenure-Track-Professur als Karriereweg soll überall einsickern, deswegen beantragen wir für alle neun Fakultäten jeweils eine. Die Fakultäten haben den Vorschlag vorbehaltlos angenommen. Stark war auch, dass der Senat die Idee voll unterstützt hat. Mit dessen Entscheidung im Dezember 2018 hat sich die MLU verpflichtet, dauerhaft im Durchschnitt etwa zehn Prozent aller Berufungen über eine Juniorprofessur mit Tenure Track zu besetzen, die nach erfolgreicher Evaluation in eine unbefristete Professur übergehen.

Welche Vorteile bietet sie für die Betroffenen und auch für die Universität?
Aus Perspektive der jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bringt die Tenure-Track-Professur auf jeden Fall eine relativ frühe Gewissheit, wo es hingehen kann, das ist auch für die Frauenförderung ein wichtiges Instrument. Aus der Perspektive der Universität gibt es wie bei allem Vor- und Nachteile: Wenn man einen Bereich neu aufbauen will, bietet eine Juniorprofessur mit Tenure Track großes Potential, junge, innovativ arbeitende Menschen dafür zu gewinnen. Auch für Bereiche, in denen Berufungsverfahren scheitern, weil die Bewerberlage ungünstig ist, bietet die Juniorprofessur eine Option. Das muss man allerdings auch wollen und sehr gut planen, denn eine Juniorprofessur bietet weniger Lehre an – den Lehreinheiten fehlt zunächst ein Teil der Kapazität. Und damit ist die Juniorprofessur mit Tenure Track zum einen ein wunderbares Förderinstrument, zum anderen aber im Lehralltag nicht immer einfach zu integrieren. Dafür bedarf es einer wirklichen Auseinandersetzung damit, wie die Personalstruktur in den Jahren bis zur Einlösung des Tenure Tracks gestaltet sein soll. Eine große Herausforderung ist das Programmziel der Senkung des Berufungsalters – Bestenauslese und Berufungsalter ins Verhältnis zu setzen ist unter Umständen ein schwieriges Unterfangen.

Das wie unterstützt wird?
Wir haben den Tenure-Track-Lenkungskreis, der sich zum ersten Mal im Februar 2022 getroffen hat, eine Rektoratskommission, die sich strategisch mit der Tenure-Track-Professur an der MLU auseinandersetzt und disziplinübergreifend Qualitätsstandards, Rahmenbedingungen und Begleitmaßnahmen sowie deren Verankerung diskutiert. Er besteht aus insgesamt neun Personen, die Wissenschaftskarrieren mit und ohne Tenure Track durchlebt haben, außerhalb wie innerhalb von Deutschland, sogar innerhalb der MLU. Wichtige Diskussionspartner der Querschnittsthemen Gleichstellung und Personalentwicklung sind ebenfalls dabei. Mindestens über die Laufzeit des Tenure-Track-Programms wird der Lenkungskreis regelmäßig Themen und Knackpunkte besprechen und die Erfahrungen der Kommissionsmitglieder nutzen.

Welche Knackpunkte meinen Sie?
Problematisch war zum Beispiel, dass es keine Ordnung zur Evaluation der Juniorprofessur mit und ohne Tenure Track gegeben hat und somit keine Transparenz über Verfahrensweisen. Im Rahmen des Antrags ist eine Berufungs- und Evaluationsordnung für Juniorprofessuren 2018 auf den Weg gebracht und im Februar 2022 mit der allgemeinen Berufungsordnung überarbeitet worden. Somit wissen Junior- beziehungsweise Tenure-Track-Professorinnen und -Professoren genau: Was kommt auf mich zu – zur Zwischenevaluation und zur Tenure-Evaluation? Jede Fakultät muss bei dem Antrag auf Stellenfreigabe Evaluationskriterien für diese Stelle verfassen. Sie werden aus den folgenden vier Kategorien herangezogen: Forschung, akademische Lehre, akademische Selbstverwaltung und überfachliche Kompetenzen. Das sind Dinge, die im Lenkungskreis immer wieder angeschaut werden. Man braucht Evaluationskriterien, die internationalen und universitätsweiten Standards entsprechen, die Fachkultur angemessen berücksichtigen und schließlich eine belastbare Grundlage für eine positive oder negative Evaluationsentscheidung darstellen – etwas, das übrigens auch eine Exit-Option für die Universität bietet, wenn jemand nicht das geforderte Niveau erreicht. Tenure Track heißt nichts anderes als Bewährungsphase.

Vor welchen Herausforderungen stehen dabei die Juniorprofessorinnen und -professoren?
Sie stehen enorm unter Druck. Mit der Zwischenevaluation im dritten Jahr müssen sie wegen der notwendigen Gremienwege im Prinzip nach zweieinhalb Jahren schon anfangen, einen Bericht zu verfassen. In anderen Bundesländern ist die Zwischenevaluation später. Vier Jahre zum Aufbau der Professur und der Forschungsarbeit empfinde ich persönlich als förderlicher. Innovative, interdisziplinäre Forschung braucht Zeit.

Wie unterstützt die Universität an der Stelle?
Wir haben 2020 eine Referentinnenstelle für Strategische Personalentwicklung und Berufungsmanagement Junior-/Tenure-Track-Professuren mit Dr. Rebecca Thier-Lange besetzt, um das Programm zu begleiten. Auf die Juniorprofessorinnen und -professoren kommen schon in der Phase des Ankommens viele Aufgaben zu, die sie vorher nicht hatten: Sie haben Führungsverantwortung, müssen eine Arbeitsgruppe aufbauen, Räume einrichten. Hier wollen wir Möglichkeiten zur Unterstützung schaffen, die nicht nur aus klassischen Fortbildungsprogrammen bestehen. Tatsache ist: Je höher die Karrierestufe ist, desto individueller werden die Bedarfe. Da gibt es keinen Fortbildungskatalog, den man abarbeitet, bis man weiß, wie eine Professur funktioniert. Seit einem Jahr führen wir Begrüßungsgespräche einige Monate nach der Berufung durch, gemeinsam mit der Fakultät und der jeweiligen Personalreferatsleitung. Ein weiterer Punkt ist die Vernetzung. In dieser Woche hat zum ersten Mal ein Welcome Day nur für Junior- und Tenure-Track-Professorinnen und -Professoren an der MLU stattgefunden, mit einem diversen Programm und Raum für den Austausch. Der Tag ist mit einer Faculty Lounge im Georg-Foster-Haus ausgeklungen. Dort konnten die Teilnehmenden mit in der Personalentwicklung engagierten Professorinnen und Professoren ungezwungen ins Gespräch kommen. Es war ein wunderbarer, heiterer Abend!

Wenn Sie sich ins Jahr 2030 denken: Wo steht die Uni dann? Was ist Ihr Wunsch?
Dass es permanent in allen Bereichen Juniorprofessuren mit Tenure Track gibt; dass sie als Karriereweg verankert sind, dass sich Evaluationsprozesse eingespielt haben. Und dass die Uni auch den Mut aufbringt, sich mit dem konkreten Tenure Track auseinanderzusetzen und ernsthaft zu prüfen, ob das W2-Niveau erreicht wurde. Darüber hinaus muss es eine intensive Auseinandersetzung mit der Idee geben, dass es sich um eine Entwicklungsprofessur handelt – das fängt mit der Ausschreibung und der Formulierung des Evaluationskritienkatalogs an und schließt den Auswahlprozess und die folgende Begleitung mit ein. Was ich bereits heute sagen kann: Es ist etwas in Gang gekommen in den vergangenen Jahren und das nicht nur in den naturwissenschaftlichen Fakultäten.

 

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