Power Couples: „Wir müssen den Begriff ‚Beziehung‘ größer denken“

Im Workshop beschäftigen Sie sich mit „Power Couples“. Was verstehen Sie darunter?
Katharina Eger: Das Cambridge Dictionary definiert „Power Couples“ so, dass zwischen zwei Menschen eine romantische Beziehung besteht und beide Personen zusammen oder getrennt jeweils sehr erfolgreich sind. Ein Beispiel für so ein Paar sind Marie und Pierre Curie, die gemeinsam die Radioaktivität erforschten und als eines der wenigen Paare auch gemeinsame Auszeichnungen erhielten. Nach dem Unfalltod ihres Mannes konnte Marie auch auf seine Professur nachfolgen, das sogenannte „Curie-Labor“ weiterbetreiben und erhielt 1911 einen zweiten, diesmal alleinigen Nobelpreis in Chemie.
Wen bezeichnen wir heute als „Power Couples“?
Eger: Wenn wir heute von „Power Couples“ sprechen, sind es meistens Politiker-Ehepaare, etwa die Obamas, oder Paare aus der Unterhaltungsbranche, zum Beispiel Beyoncé und Jay-Z oder Taylor Swift und Travis Kelce. Auch unter deutschen Intellektuellen gibt es solche Konstellationen, etwa Herfried und Martina Münkler oder Aleida und Jan Assmann. Bei solchen „Power Couples“ steht die Frage im Vordergrund, welche Kraft und Macht sie haben. Historisch lässt sich daran auch fragen, welche Formen gemeinsamer Arbeit sichtbar werden – und welche nicht.
Warum ist die Zeit von 1750 bis 1920 besonders aufschlussreich?
Sven Jaros: Die eingeschränkten Handlungsspielräume für Frauen, gerade in der Wissenschaft, hängen mit dem Durchbruch der bürgerlichen Gesellschaft und der Professionalisierung vieler Berufszweige im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert zusammen. Bis ins 17. und 18. Jahrhundert sah das noch ganz anders aus. Zu dem Zeitpunkt gab es noch keine scharfe Trennung von Beruf und Privatem. Da war es vielmehr eine Frage des Standes, ob man ökonomisch die Voraussetzungen hatte, sich mit etwas anderem zu beschäftigen als dem Lebensunterhalt. Durch die Professionalisierung und Institutionalisierung von Universitäten und Akademien sind diese Handlungsmöglichkeiten erst einmal wieder deutlich kleiner geworden; den Zugang mussten sich Frauen mit der Frauenrechtsbewegung im 19. Jahrhundert erst wieder erkämpfen. Die Geschichte weiblicher Handlungsspielräume und Sichtbarkeit ist demnach kein lineares Narrativ von Unterdrückung hin zu Gleichberechtigung.
Eger: Wie die Forschungen unserer Kollegin Zoë Thomas zu populären Paaren im Viktorianischen England zeigen, sind kollaborative Paare nicht immer gleichzusetzen mit emanzipatorischen Bestrebungen. Paare wie das irisch-britische Schriftstellerpaar Agnes und Egerton Castle konnten konservative und bürgerliche Geschlechterordnungen eher stärken als infrage stellen, weil ihre gemeinsame Arbeit gut zum damaligen Bild einer bürgerlichen Ehe passte. Unsere heutigen Geschlechterordnungen sind nicht so alt, wie sie oft erscheinen. Erst mit der bürgerlichen Gesellschaft verfestigen sich normative Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit – etwa, dass Frauen emotional und passiv und Männer rational und aktiv seien.
Geht Ihr Blick auf „Power Couples“ auch über klassische Paarvorstellungen hinaus?
Eger: Die auf dem Workshop vertretenen Fallstudien bewegen sich überwiegend im heteronormativen Bereich. Wir versuchen aber auch auf queere Konstellationen einzugehen. Wir müssen den Begriff „Beziehung“ größer denken: Es gibt auch Beziehungsformen, die sich nicht eindeutig in Kategorien wie Ehe, Freundschaft oder romantische Liebe einordnen lassen. Ein Beispiel sind sogenannte „Boston Marriages“. Das sind Lebensgemeinschaften von unverheirateten, gebildeten Frauen, die durch ein gemeinsames Leben Eigenständigkeit bewahren konnten – etwa, um weiter schriftstellerisch tätig zu sein.
Wie sah die Zusammenarbeit in solchen Konstellationen aus?
Eger: Markante Beispiele sind die deutschen Frauenrechtsaktivistinnen Helene Lange und Gertrud Bäumer sowie die US-amerikanischen Autorinnen Gertrude Stein und Alice B. Toklas. Bäumer bot sich der etablierten Lange als Assistentin an. Daraus entwickelte sich eine rege gemeinsame publizistische Aktivität und eine Lebensgemeinschaft, die bis zum Tod von Helene Lange 1930 währte. Lange baute die jüngere Bäumer konsequent als ihre Nachfolgerin auf. Anders verhielt es sich in der jahrzehntelangen Lebensgemeinschaft der etwa gleichaltrigen Alice B. Toklas mit der wesentlich berühmteren Gertrude Stein. Toklas organisierte den häuslichen Bereich und fungierte gleichermaßen als Kritikerin von Steins Werken, blieb jedoch stets im Hintergrund. Viele solcher Konstellationen sind heute schwer zu greifen, weil sie in Archiven nicht immer auftauchen oder historiografisch nicht als Paarbeziehungen erkannt wurden.
Auf dem Programm stehen viele internationale Beiträge. Welche Rolle spielen diese Perspektiven für den Workshop?
Jaros: Wir haben über 40 Einreichungen für den Workshop bekommen – global, von Amerika bis Australien. Diese internationale Beteiligung ist wichtig, weil „Power Couples“ nicht überall nach demselben Muster funktionieren. Daran lässt sich auch fragen, unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen Menschen überhaupt öffentlich sichtbar werden. Im östlichen Europa konnten Dichterinnen wie Maria Konopnicka oder Lesja Ukrajinka im 19. Jahrhundert und frühen 20. Jahrhundert zu nationalen Symbolfiguren werden – ein Status, den Schriftstellerinnen in Frankreich zur gleichen Zeit kaum erreichen konnten. Für die Analyse von Paaren ist das wichtig, weil solche Ordnungen mitbestimmen, ob beide Teile eines Paares als handelnde Personen wahrgenommen werden.
Eger: Alle Beiträge thematisieren eine Art von sozialer Beziehung. Diese verändern sich historisch und beeinflussen sich gegenseitig – etwa in Bezug auf Rolle, Klasse oder Zugehörigkeit. In Europa und Nordamerika ist die bürgerliche Geschlechterordnung maßgeblich. In Japan etwa herrschte ein ganz anderes Ordnungsprinzip jenseits von Geschlecht, erst mit der erzwungenen Öffnung zum Westen wurden bürgerliche Geschlechterrollen transportiert.
Was lässt sich aus der Beschäftigung mit historischen „Power Couples“ für heutige Formen von Zusammenarbeit lernen?
Eger: Die bürgerlichen Geschlechterrollen sind heute noch wirksam und immer globaler und vernetzter. Es werden heute immer noch „Power Couples“ oder „Super Couples“ ausgerufen. Es gibt leider immer Menschen, deren Arbeit nicht gewürdigt wird – die übergeordneten Fragen, die uns heute noch beschäftigen, sind: Wie entstehen Ungleichheiten, wie werden sie fortgeführt, welche Umstände spielen eine Rolle?
Jaros: Als Historiker tue ich mich nach wie vor etwas schwer mit direkten Lehren für unsere Gegenwart. Aber durch historische Paare und den größeren Kontext, in dem sie sich bewegen, können wir viel über die Gesellschaften, Geschlechterordnung und materiellen Zwänge ihrer Zeit lernen. Wenn wir diese Wandelbarkeit, Dynamiken und Uneindeutigkeiten sichtbar machen, zeigt sich auch für die Jetztzeit immer wieder: Es kommt auf uns an, die Bedingungen zu gestalten, unter denen wir als Gesellschaft leben wollen. Wir müssen an unserer Gegenwart arbeiten – so wie es die historischen Beispiele in ihrer Zeit getan haben. Das gibt uns eine gewisse Handlungsmacht und eine Verantwortung zum Handeln.
Workshop „Power Couples? Collaboration at work and at home, ca. 1750–1920s“
Montag, 11. Mai 2026 bis Mittwoch, 13. Mai 2026
Georg-Forster-Haus
Emil-Abderhalden-Straße 7a
06108 Halle (Saale)
Organisiert von: Katharina Eger, Sven Jaros (beide MLU), Katrin Steffen (Nordost-Institut) und Zoë Thomas (University of Birmingham).
Um Anmeldung unter sven.jaros@geschichte.uni-halle.de wird gebeten.
Öffentliche Podiumsdiskussion „Wer stützt? Wer glänzt? – Über gemeinsame Arbeit und ungleiche Anerkennung in Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft“
Dienstag, 12. Mai 2026, 19 Uhr
Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale)
Friedemann-Bach-Platz 5
06108 Halle (Saale)
Der Eintritt ist frei.
Blog zum Workshop
Begleitend zum Workshop wurde auf dem Blogportal der Max Weber Stiftung ein Blog eingerichtet. Dort können auch Forschende, die bisher nicht bei dem Workshop involviert waren, ihre Projekte zum Thema kollaborativer Paarbeziehungen vorstellen und sich vernetzen.
