Experimentierräume für die Lehre

Künstliche Intelligenz (KI) gehört zum universitären Alltag – auch in Studium und Lehre. „Unsicherheit besteht nach wie vor, aber inzwischen reden wir deutlich häufiger über Möglichkeiten“, sagt Prof. Dr. Pablo Pirnay-Dummer, Prorektor für Studium und Lehre. Die anfänglichen Befürchtungen bestanden vor allem darin, Studierende könnten betrügen, indem sie ihre Hausarbeiten von Chatbots schreiben lassen. „Das Problem ist: Wie wollen Sie die Nutzung von KI kontrollieren? Wir sollten uns eher darauf konzentrieren, ihre Potenziale herauszustellen und verbindliche Rahmenbedingungen für ihre Nutzung zu schaffen.“
Diese Rahmenbedingungen wurden erstmals 2023 in einer Leitlinie definiert und 2025 an aktuelle Entwicklungen angepasst. Die Grundlagen dafür hat der Arbeitskreis „KI in Studium und Lehre“ erarbeitet – als Teil der Rektoratskommission zur Zukunft von Studium und Lehre, deren Vorsitzender Pirnay-Dummer ist. Dem Arbeitskreis gehören Lehrende aus allen Fakultäten der Universität, Mitarbeitende der Verwaltung und Studierende an. Die zentrale Botschaft: KI an der Universität ist grundsätzlich erlaubt, die Lehrenden entscheiden nach eigenem Ermessen über den Umfang der Nutzung in Lehrveranstaltungen und bei schriftlichen Prüfungsleistungen. „Unser Standpunkt ist, dass KI Unterstützung in Studium und Lehre bieten kann und dass wir sie für Experimentierräume nutzen sollten“, erklärt Pirnay-Dummer.
Lehrende könnten davon profitieren, dass generative KI Anregungen zur didaktischen Aufbereitung von Inhalten liefert, bei der Formulierung ergänzender Prüfungsfragen unterstützt oder kreative Impulse bei der Entwicklung neuer Lehrmaterialien gibt, so Pirnay-Dummer. Und Studierenden könne die KI beispielsweise bei der Erstellung, Übersetzung und Verbesserung von Texten helfen, Erklärungen zu komplexen Themen bieten oder strukturiertes Feedback geben. „Wir erleben immer häufiger, dass die Studierenden die KI als Sparringspartner nutzen, indem sie eigene Lösungen mit dem Chatbot diskutieren“, sagt Pirnay-Dummer. Eine gesunde Skepsis bei den von der KI generierten Inhalten sei jedoch angebracht, deshalb sei es Aufgabe der Universität und der Lehrenden, Studierende im Umgang mit KI zu schulen.
Die Leistung von Studierenden angemessen zu bewerten, wenn sie KI nutzen, bleibt indes eine Herausforderung. Die Leitlinie regt deshalb an, unbeaufsichtigte Prüfungsformate wie Haus- und Abschlussarbeiten grundlegend zu überdenken. „Sicher werden einige Nachweise von Basiskompetenzen KI-frei bleiben, etwa in der Medizin oder der Rechtswissenschaft“, sagt Pirnay-Dummer. „Daneben aber kann es bereits jetzt sinnvoll sein, die reflektierte und produktive Arbeit mit KI-Werkzeugen gezielt zu begleiten.“ Konkret könne zum Beispiel darüber nachgedacht werden, in ergänzenden mündlichen Gesprächen oder Gruppendiskussionen zu prüfen, ob die Studierenden sich mit den Inhalten ihrer Hausarbeiten tatsächlich auseinandergesetzt haben.
Das schlägt auch die Mathematikerin Prof. Dr. Rebecca Waldecker vor. „Das Problem der Beurteilung, ob eine Arbeit eigenständig angefertigt oder einfach abgeschrieben wurde, ist ja nicht neu. Schon bevor es ChatGPT gab, konnte ein persönliches Gespräch zur Klärung beitragen“, sagt die Professorin für Algebra am Institut für Mathematik, die auch Mitglied des Arbeitskreises ist. Sie lädt ihre Studierenden explizit dazu ein, sich mit KI zu beschäftigen. „Wir dürfen nicht unterschätzen, dass es ja auch eine Leistung ist, mit KI umzugehen. Wer nicht zielführend promptet, bekommt keine verwertbaren Ergebnisse. Und selbst diese müssen stets kritisch hinterfragt werden.“
Diese Erfahrung macht Waldecker regelmäßig selbst und veröffentlicht ihre Gespräche mit ChatGPT über Mathematik auf ihrer eigenen Webseite. Dort können ihre Studierenden zum Beispiel nachlesen, was die KI zum Ring der ganzen Zahlen sagt. „Am ersten Überblick ist wenig auszusetzen. Fragt man aber nach Details, wird es kurios – dann liefert der Chatbot Antworten, die nicht stimmen. Fordert man daraufhin Beweise für bestimmte Aussagen, verstrickt die KI sich immer tiefer in Widersprüche.“ Problematisch für Unerfahrene sei, in welch selbstbewusstem Ton die KI falsche Ergebnisse liefere und Begriffe aufführe, die in den jeweiligen Kontexten nichts zu suchen haben, so Waldecker.
Dennoch betont Rebecca Waldecker die Vorteile der KI-Nutzung. „KI bietet unerwartet kreative Zugänge, sich mit Fragestellungen auseinanderzusetzen. Sie ermöglicht neue Formen der Gruppenarbeit und hilft bei der effizienten Aufgabenstrukturierung und Arbeitsorganisation“, sagt sie. „Das kann ein Studium wirklich bereichern und auch die Distanz zwischen Lehrenden und Studierenden verringern.“ Für die Lehrenden kann die KI ein hilfreiches Werkzeug bei der Vorbereitung von Vorlesungen und Seminaren sein und die eigene Kreativität unterstützen, so Waldecker. „Manchmal sind es auch ganz banale Dinge, die ich an der KI schätze – etwa, dass ich mir aus Stichpunkten eine Präsentation erstellen lassen kann.“
Bereits im Sommersemester 2025 gaben weit über 50 Prozent der MLU-Studierenden in einer vom Arbeitskreis „KI in Studium und Lehre“ initiierten Umfrage an, KI-basierte Sprachmodelle im Rahmen ihres Studiums regelmäßig zu nutzen. „Es ist nicht nur ein vorübergehender Hype, wie manche prophezeit haben“, sagt Dr. Michael Gerth, Sprecher des Arbeitskreises und Geschäftsführer des Zentrums für Multimediales Lehren und Lernen der MLU (LLZ). Als zentrale Einrichtung der Universität fördert das LLZ den Einsatz multimedialer Werkzeuge und Formate in Studium und Lehre: Konkret geht es dabei um ergänzende digitale Methoden für klassische Präsenzveranstaltungen, um digitale Prüfungen oder um Video-Aufzeichnungen einschließlich KI-gestützter Transkription. Beim Thema Digitalisierung in der Lehre ist die MLU am Puls der Zeit.
So war auch das Verbundprojekt eService Agentur Sachsen-Anhalt, kurz eSALSA, bis 2025 am LLZ angesiedelt, um Innovationen in der Hochschullehre für das ganze Bundesland voranzutreiben. Das Projekt soll entsprechend der Zielvereinbarungen nun als Landesinitiative fortgeführt werden.
Das LLZ ist auch für Weiterbildungen von Lehrenden und Studierenden zuständig. „Der von der EU beschlossene AI Act verpflichtet auch die Universität dazu, Nutzende von KI mit angemessenen Kompetenzen auszustatten“, erklärt Michael Gerth. „Für Lehrende, Studierende und teilweise auch für Verwaltungsangestellte haben wir seit zwei Jahren verschiedene Kurse im Programm – zum allgemeinen Umgang mit KI, zu ihrer Nutzung für die Didaktik und zu speziellen Themen wie Prüfen und Testen.“ Die Selbstlernformate wurden von eSALSA entwickelt, zwei Kurse für Lehrende finden aber auch in Präsenz statt. „Bei den Online-Angeboten im letzten Jahr nahmen bis zu 300 Menschen teil. Das zeigt, wie groß der Informationsbedarf weiterhin ist“, sagt Gerth.
Mehr Informationen im Wiki des LLZ:
https://wiki.llz.uni-halle.de/Portal:Künstliche_Intelligenz
KI an der MLU
Das LLZ an der MLU hat ein Online- Lexikon zur KI erstellt: das KI-Wiki. Hier gibt es grundlegende Erläuterungen für Einsteiger, Tipps zum erfolgreichen Prompten, Links zur Leitlinie und den Selbstlernkursen, eine Videoreihe zu KI aus Sicht von Studierenden und Hinweise zu rechtlichen Fragen. Das KI-Wiki beantwortet zudem häufig gestellte Fragen zur MLU-KI – dem universitätsinternen Zugang zu künstlicher Intelligenz, der sich noch im Testbetrieb befindet. „Aktuell nutzt die MLU-KI unter einer gemeinsamen Weboberfläche drei Open-Source- Sprachmodelle und zusätzlich ChatGPT als kommerziellen Anbieter“, sagt Michael Gerth. Die Uni habe sich für diesen Zugang entschieden, um Studierenden und Mitarbeitenden einen kostenfreien und datenschutzkonformen Zugang zu generativer KI zu ermöglichen.


