Digitale Kartenschätze

20.04.2022 von Katrin Löwe in Wissenschaft, Varia
Die Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt (ULB) stellt einen Teil ihrer umfangreichen historischen Kartensammlung online. Die ersten 1.000 Karten sind bereits abrufbar, darunter herausragende Unikate.
Martin Scheuplein hält das Fragment der Karte von Herman van Borculo.
Martin Scheuplein hält das Fragment der Karte von Herman van Borculo. (Foto: Maike Glöckner)

Es war ein einzigartiger Fund bei Inventarisierungsarbeiten in der Kartensammlung der Universitäts- und Landesbibliothek: 2017 haben Mitarbeitende dort das Fragment einer Karte entdeckt, das verschiedene Szenen aus der Bibel zeigt, die den entsprechenden Städten, Flüssen und Gebirgen im Heiligen Land zugeordnet sind. Es gehört zu einem zwölfteiligen Werk des niederländischen Künstlers Herman van Borculo aus dem 16. Jahrhundert. Bis zum Zeitpunkt des Fundes in Halle waren weltweit nur zwei Teile davon bekannt, darunter eines in der British Library in London. „Ich wurde damals von Presseanfragen überrannt“, erinnert sich Martin Scheuplein, Leiter der ULB-Kartensammlung. Das Aufsehen um den Fund hat auch dafür gesorgt, dass er über ein weiteres Fragment im Privatbesitz informiert wurde, heute also von vier dokumentierten Teilen der Karte berichten kann. Und von einem ehrgeizigen Plan der British Library: die Teile eines Tages komplett virtuell zusammenzufügen. Die Voraussetzungen dafür sind von hallescher Seite optimal. Das Fragment gehört zu den Karten, die im Rahmen eines 2021 gestarteten Projektes digitalisiert und nun online zur Verfügung gestellt worden sind – und das in einer viel besseren Qualität, als sie ein einfaches Foto bieten könnte. Der Viewer erlaubt etwa ein tiefes Hineinzoomen in das historische Material.

Die gesamte Sammlung der ULB umfasst etwa 100.000 Kartenblätter. 17.500 Karten stammen aus der Zeit vor 1850, darunter sind 428 handgezeichnete Pläne. Ein Teil davon, die ersten 1.000, ist nun über das ULB-Repositorium share_it oder im Bibliothekskatalog online recherchier- und abrufbar. „Wir bekommen viele Anfragen von Heimatforscherinnen und Heimatforschern, aber auch internationalen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die zum Beispiel nach alten Orten suchten, die nur auf unseren Karten zu finden sind“, sagt Scheuplein. Diese können für eine erste Recherche nun einfach in den Digitalen Sammlungen der ULB stöbern. Möglich wurde das durch eine Förderung im Rahmen des Programmes „Neustart Kultur“ mit Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.

Einer der digitalisierten Stadtpläne von Halle - er stammt aus dem Jahr 1820.
Einer der digitalisierten Stadtpläne von Halle - er stammt aus dem Jahr 1820. (Foto: Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt)

Ein Schwerpunkt der Online-Sammlung liegt auf der Geschichte Mitteldeutschlands: So finden sich unter den Digitalisaten zahlreiche Bergbaukarten aus dem Mansfelder Land oder dem Harz sowie Stadtpläne von Halle, Magdeburg, Dessau oder Wernigerode. Der Bestand letzterer reicht bis ins frühe 18. Jahrhundert zurück – der älteste Stadtplan Halles stammt aus dem Jahr 1729. Besonders zahlreich vertreten sind auch Kriegskarten, Schlachten- und Festungspläne. Zu entdecken und zu erforschen gibt es mit ihrer Hilfe einiges, sagt Dr. Julia Knödler, Leiterin der Historischen Sammlungen, zu denen auch die Kartensammlung gehört. Sie verdeutlicht das an zwei Stadtplänen von Halle aus den Jahren 1820 und 1905. Dort, wo heute die beiden ULB-Gebäude in der August-Bebel-Straße in der nördlichen Innenstadt stehen, ist 1820 noch ein Schießplatz eingezeichnet. 85 Jahre später existieren zwar die Gebäude, eines davon aber ist noch das Oberbergamt. „In der Online-Sammlung kann man stundenlang verweilen und Stadtentwicklung nachverfolgen“, so Knödler. Sichtbar würden zum Beispiel auch die Effekte der Industrialisierung am Entstehen neuer Stadtviertel – 1905 sind bereits Teile des heutigen Paulusviertels im Norden der Stadt bebaut, das zum Ende des 19. Jahrhunderts am Reißbrett geplant wurde. Die Karten, fügt Knödler hinzu, seien zudem nicht nur für Geologen oder Historiker interessant, sondern für ganz viele Fachrichtungen – bis hin zu Sprachforschenden. Landschaftsarchitekten greifen für die Rekonstruktion historischer Parkanlagen oder Renaturierungs-Projekte darauf zurück und selbst kurios anmutende Kartenanfragen gab es in der Vergangenheit schon: die nach einem Stadtplan aus Niedersachsen etwa, den jemand als Vorlage für ein Tattoo nutzen wollte.

Ein enormes Interesse konstatiert die ULB zudem an Karten aus der so genannten MENA-Region, die das Gebiet von Nordafrika, dem Nahen und Mittleren Osten, dem Kaukasus und Mittelasien umfasst. Sie bilden einen zweiten Schwerpunkt bei der Digitalisierung. Seit mehr als 20 Jahren sammelt die ULB im Rahmen eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Fachinformationsdienstes Materialien aus dieser Region. Scheuplein verweist auf eine im Kurznachrichtendienst Twitter kürzlich geführte Debatte zu einer an der ULB digitalisierten Landkarte aus dem Gebiet des heutigen Iran von 1650. „Da hat sich die Community Gedanken gemacht, was auf ihr zu finden ist“, so Scheuplein – inklusive der Fehler wie eines damals falsch kartierten Sees. So entstehe eine Art Citizen Science, Bürgerwissenschaft, die das analysiert, was die ULB bereitstellt. Und: „Dadurch können auch ganz neue Forschungsprojekte entstehen.“

Die Digitalisierung war kein einfaches Unterfangen, sagt Knödler – und das nicht nur, weil nicht alle Karten direkt am Hauptstandort gelagert sind. An einige davon habe der Restaurator Hand anlegen müssen. „Sie waren oft gefaltet aufbewahrt“, so Knödler – auf einem Digitalisat hätte das unglücklich ausgesehen. Ein Teil der Karten sei deshalb in der Feuchtekammer behandelt und plangelegt worden. Mit Spezialschwämmen wurden zudem Staubfilme entfernt. „Aber es hat sich gelohnt“, so Knödler. Die größte nun online abrufbare Karte misst übrigens im Original 186 mal 122 cm, zu viel für den größten Scanner der ULB, der bis zu DIN-A0-Formate ablichten kann. Sie musste in mehreren Teilen gescannt und aufwändig am Computer wieder zusammengefügt werden. Es handelte sich wieder um eine Karte aus dem Heiligen Land, dieses Mal um einen Stadtplan von Jerusalem aus dem Jahr 1874.

Dr. Julia Knödler
Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt
Tel. +49 345 55-22158
E-Mail: julia.knoedler@bibliothek.uni-halle.de

Martin Scheuplein
Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt
Tel. +49 345 55-22176
E-Mail: martin.scheuplein@bibliothek.uni-halle.de

Die Kartensammlung im Netz: https://bibliothek.uni-halle.de/kartenprojekt

 

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