Legende oder Wahrheit? - Studierende untersuchen die Geschichte eines Grabs

Neben der „Todeskiefer“ im ehemaligen Konzentrationslager Langenstein-Zwieberge befindet sich ein Einzelgrab. Der Baum diente im Lager als Hinrichtungsort und lange hieß es, in dem Grab liege ein sowjetischer Offizier, der sich 1944 geweigert habe, an Hinrichtungen mitzuwirken und deshalb getötet worden sei. Diese Geschichte nahmen zehn Studierende der Germanistik als Ausgangspunkt ihres Projekts. Zwei Semester lang untersuchten sie gemeinsam mit Stephan Pabst und Gero Fedtke, Leiter der Gedenkstätte für die Opfer des KZ Langenstein-Zwieberge, wie diese Erzählung entstanden ist – und ob sie sich historisch belegen lässt.
Die Studierenden sichteten Archivmaterialien in der Gedenkstätte, darunter Briefe, Berichte, Zeitungsartikel und Kopien von Stasi-Akten. Sie analysierten literarische und dokumentarische Texte von Überlebenden und verglichen Versionen der Überlieferung. „Es ging uns darum, den literaturwissenschaftlichen Prozess von Legendenbildung nachzuvollziehen“, sagt die Studentin Nike Mestwerdt. Dabei zeigte sich: Die Quellen erzählen nicht dieselbe Geschichte. Die Figur erscheint mit unterschiedlichen Namen, Details wie die Umstände der Hinrichtung oder die letzten Worte variieren.
Auch die Verlässlichkeit der Quellen variiert. „Offizielle Dokumente bieten keine verlässliche Grundlage, da Todesursachen häufig verschleiert wurden“, so Pabst. Gleichzeitig sind Erinnerungsberichte von persönlichen Erfahrungen und späteren Kontexten geprägt. Mestwerdt betont: „Eine Betrachtung der Umstände, unter denen Aussagen wiedergegeben wurden, bedeutet keinen Zweifel an der Legitimation der Erinnerungen.“ Pabst ergänzt, dass solche Berichte immer von den Bedingungen geprägt seien, unter denen sie entstehen und weitergegeben werden. „Uns interessierte nicht nur, was tatsächlich passiert ist. Wir wollten auch verstehen, wie aus verschiedenen Erinnerungen eine Erzählung entsteht und warum sie über lange Zeit Bestand hat“, erklärt Pabst.
Viele der untersuchten Zeugnisse stammen aus der Zeit nach 1945. Sie stehen in spezifischen politischen und gesellschaftlichen Kontexten. In kommunistisch geprägten Nachkriegsgesellschaften konnten solche Erzählungen eine wichtige Funktion erfüllen: Sie machten aus individuellen Erfahrungen kollektive Widerstandsgeschichten. Pabst erläutert dies am Beispiel der Sowjetunion: „Stalin war der Ansicht, dass sowjetische Häftlinge, die nicht bis zum letzten gekämpft haben, unter Verdacht standen, mit den Nazis kollaboriert zu haben. Solche Widerstandserzählungen waren daher nicht einfach nur opportun, sie konnten überlebenswichtig sein.“
Die Studierenden konnten durch ihre Arbeit nachvollziehen, wie sich solche Erzählungen verfestigen. „Was oft erzählt wird, wirkt glaubwürdiger“, erklärt Pabst. Der Blick auf die Quellen veränderte sich im Laufe des Seminars. „Wir haben gelernt, Aussagen zu hinterfragen und nicht alle Berichte sofort zu glauben“, sagt die Studentin Jenny Bensch. Es bleibe vieles offen: „Wir können uns auf das berufen, was wir wissen – und das ist, dass es diese Legende gibt, die von verschiedenen Quellen erzählt wird.“ Unklar bleibt, ob die konkrete Geschichte des „unbekannten Häftlings“ so geschah. Auch die Identität des Toten lässt sich nicht abschließend klären. Sicher aber ist: Im Lager Langenstein-Zwieberge wurden Häftlinge hingerichtet – häufig öffentlich und so, dass andere Gefangene die Gewalt mitansehen mussten. Diese Praxis ist durch zahlreiche Berichte belegt.
Die Ergebnisse der Arbeit sind im Buch „A. – Grab des unbekannten Häftlings. Eine Recherche zum Konzentrationslager Langenstein-Zwieberge“ veröffentlicht. Darin analysieren die Studierenden unter anderem einzelne Quellen, zentrale Figuren der Überlieferung und frühere Versuche, die Geschichte zu rekonstruieren. Für viele Beteiligte war das Projekt daher mehr als ein Seminar. „Ich bin ziemlich stolz darauf, dass wir unsere Ergebnisse in einem gemeinsamen Buch veröffentlichen konnten“, sagt Bensch. Die Recherche zeige nicht nur, was sich über das Grab sagen lässt – sondern auch, wie historische Erinnerung entsteht.
Publikation und Lesung im Literaturhaus
Stephan Pabst, Gero Fedtke (Hg.): A. – Grab des unbekannten Häftlings. Eine Recherche zum Konzentrationslager Langenstein-Zwieberge. Halle 2026, 176 S., 20 Euro, ISBN: 978-3-68948-102-5
Am Projekt beteiligt waren die Studierenden: Jenny Bensch, Maja Billert, Olga Borsche, Leticia Bursian, Theo Feist, Marlene Fiedler, Mathilda Fischer, Nike Mestwerdt, Moritz Schlenstedt und Tanja Stich
Buchpremiere in Halle:
Montag, 4. Mai 2026, 19 Uhr, Literaturhaus Halle
Buchvorstellung mit Prof. Dr. Stephan Pabst, Dr. Gero Fedtke und beteiligten Studierenden
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