Auf der Suche nach Visionen

23.03.2022 von Katrin Löwe in Campus, Studium und Lehre, Hochschulpolitik
Wie könnten Studium und Lehre an der MLU im Jahr 2030 aussehen, wie Prüfungen abgehalten werden? Mit diesen Fragen beschäftigt sich seit dem vergangenen Sommer eine Arbeitsgruppe an der Universität, die ihre Ideen auf dem Tag der Lehre am 1. April vorstellen und diskutieren will. Im Vorfeld hat „campus halensis“ mit den Arbeitsgruppen-Mitgliedern Prof. Dr. Christopher Conrad und Annett Thüring gesprochen.
Der Audimax - größter Hörsaal der MLU. Wie Lehre künftig aussehen soll, diskutiert eine Arbeitsgruppe seit dem vergangenen Jahr.
Der Audimax - größter Hörsaal der MLU. Wie Lehre künftig aussehen soll, diskutiert eine Arbeitsgruppe seit dem vergangenen Jahr. (Foto: Markus Scholz)

Welchen Hintergrund hat Ihre Arbeitsgruppe – und welchen Auftrag?
Christopher Conrad: Wir sind vom Rektorat eingeladen worden, eine Vision für Studium und Lehre 2030 zu entwickeln. Das war im Anschluss an die Online-Tagung "Lehre Digital und Hybrid – Chancen und Herausforderungen für Studium und Lehre an der MLU" im März 2021 und an die vielen Neuerungen im Zuge von Corona, bei denen man auch gesehen hat, dass es sehr viele Potenziale gibt. Ein Teil unserer Gruppe beschäftigt sich mit Lehren und Lernen, der zweite Teil mit Prüfen und Testen.

… unter welchen Vorzeichen?
Conrad: Fernab von Rahmenbedingungen, die auch ohne die aktuellen Strukturdebatten existieren – also von personellen, infrastrukturellen oder rechtlichen Rahmenbedingungen. Es geht darum, ohne dieses Korsett in die Zukunft zu denken.

Annett Thüring: Das war für uns anfangs schwierig. Wenn man auf die aktuelle Zeit schaut, gibt es schon viele Probleme, bei denen man froh wäre, wenn man diese bis 2030 lösen könnte. Darüber hinaus noch eine Vision zu entwickeln, ist aber eine spannende Aufgabe.

Wie haben Sie sich dem genähert?
Thüring: Wir haben uns in der Gruppe Prüfen und Testen ein Stimmungsbild von Kolleginnen und Kollegen sowie Studierenden eingeholt, an der Umfrage haben sich 336 Lehrende sowie 728 Studierende beteiligt. Dabei wurde zum Beispiel schon sehr deutlich, dass die hohe Anzahl von Prüfungen im System Bachelor und Master zu einem großen Druck bei Studierenden führt und zu viel Arbeit für uns Dozentinnen und Dozenten. Corona hat das noch einmal besonders deutlich gemacht.

Christopher Conrad
Christopher Conrad (Foto: Maike Glöckner)

Conrad: In der Gruppe Lehren und Lernen sind wir anders herangegangen. Wir haben gemerkt, dass wir sehr heterogene Denkweisen zu dem Thema haben – und deshalb versucht herauszufinden: Wo sind die Spannungsfelder, die uns wirklich bewegen und die wir mit der Öffentlichkeit der Universität diskutieren wollen? Ein Beispiel: Forschung versus Lehre. Wie ist das vereinbar bei dem Druck zu publizieren und Projekte an Land zu holen? Das reicht bis hin zur Frage der Gewichtung der Lehre in Auswahlverfahren bei Professuren. Oder: Wie kann ich mich als Dozentin oder Dozent entscheiden zwischen tradierten und innovativen Lehrformaten? Es gibt Kolleginnen und Kollegen, die sehr gute Vorlesungen im klassischen Sinne halten und auf der anderen Seite diejenigen, denen ein innovatives Format mehr liegt, zum Beispiel inverted classroom. Ein Knackpunkt könnte auch das Spannungsfeld „Weiterbildung für Lehrende versus Learning by Doing“ werden. Ist ein guter Forscher wirklich auch ein guter Lehrer? Sind Weiterbildungen für jedermann notwendig und wie schafft man Anreize, dass sie auch von Lehrenden genutzt werden, die schon lange im Dienst sind?

Zu welchen Schlüssen sind Sie schon gekommen?
Conrad: Handlungsbedarf sehen wir zum Beispiel dabei, das hochschuldidaktische Zertifikat sichtbarer und bedeutsamer zu machen. Es gibt ja bereits großartige Kurse zur Weiterbildung. Die Frage ist, wie wir das stärker kommuniziert und koordiniert kriegen. Insgesamt empfehlen wir, ein paar Leitplanken zur guten Lehre aufzustellen, die Uni täte gut daran, eine zentrale Strategie für Studium und Lehre zu entwickeln. Dabei geht es nicht darum, dass wir dringend alles verbessern müssen, sondern auch darum, wie wir Bewährtes stärken können.

Annett Thüring
Annett Thüring (Foto: Hallesches Fotoatelier)

Gibt es auch bei Ihnen schon Empfehlungen, Frau Thüring?
Thüring: Wir haben noch keine umfassenden Empfehlungen, aber einzelne Themen, zu denen wir am Tag der Lehre Workshops veranstalten. Studierende wünschen sich zum Beispiel, dass Prüfungen nicht so sehr von Tagesform abhängig sind, sondern sich aus mehreren Leistungen zusammensetzen. Und sie wünschen sich mehr Praxis-Bezug, also nicht die reine Abfrage von Wissen – manche sprechen da vom Bulimie-Lernen. Weitere Workshops beschäftigen sich mit der Prüfungslast – andere Bundesländer haben die schon reduziert –, mit den Erfahrungen aus digitalen Prüfungen während der Corona-Pandemie und allgemein einer Art „Zukunftswerkstatt“.

Wie mutig – oder auch „verrückt“ – haben Sie selbst dabei schon gedacht?
Thüring: Zum Beispiel könnte man die ganze Semesterpause zu einem Prüfungszeitraum machen, in dem sich jeder und jede Studierende heraussucht, wann er oder sie welche Prüfung machen will – am Wochenende, in der Nacht, wann auch immer es in den eigenen Lebensrhythmus passt. Das könnte man zur Diskussion in den Raum stellen. Man könnte auch über Prüfungen in virtuellen Umgebungen reden, in denen zum Beispiel Gerichtsverhandlungen oder Lehrsituationen mit Schülern simuliert werden.

Was erhoffen Sie sich vom Tag der Lehre?
Conrad: Wir wünschen uns, dass möglichst viele kommen, die die Probleme kennen, und dass sie wissen, dass es die Möglichkeit gibt, sich einzubringen – dafür würden wir uns gern öffnen. Wir wollen im Sommer verschiedene Task Forces bilden, die Einzelthemen aus den Spannungsfeldern bearbeiten und zu Empfehlungen kommen, die für die MLU auch umsetzbar sind.

Thüring: Es gibt viele Punkte, die wir noch nicht betrachtet haben. Wir hoffen auf Anregungen und Kritiken als Basis für die weitere Arbeit. Und: Unsere Gruppen sind recht spontan zusammengewürfelt. Um konkrete Vorschläge zu erarbeiten, benötigen wir zum Beispiel sachkundige Verstärkung mit Kenntnis des Hochschulrechts. Also: mehr Manpower!

 

*** Prof. Dr. Christopher Conrad hat seit 2019 den Lehrstuhl für Geoökologie an der MLU inne. Annett Thüring ist Leiterin der Rechnerbetriebsgruppe am Institut für Informatik und auch als Dozentin in der Lehre tätig.

Zum Tag der Lehre

Der Tag der Lehre findet am 1. April von 8.45 bis 16 Uhr digital unter dem Motto "Zukunftsfähig Lehre gestalten" statt. Am Vormittag stellt die „Arbeitsgruppe zur Zukunft von Studium und Lehre“ erste Ergebnisse Ihrer Arbeit vor, der Diskurs soll in verschiedenen Workshops geführt werden. Am Nachmittag stellt sich das Verbundprojekt e-Service-Agentur der Hochschulen im Land Sachsen-Anhalt (eSALSA) vor und diskutiert Chancen und Möglichkeiten einer landesweiten Agentur zur Unterstützung bei den Themen e-Prüfungen, hybride Lehre und Online-Weiterbildung sowie der Digitalisierung in der Lehre allgemein. Praxisbeispiele der Verbundpartner zeigen dabei das bereits heute existierende Potential für einen landesweiten Austausch zwischen den Hochschulen.

Mehr Informationen und Anmeldung unter: https://www.prorektoratsl.uni-halle.de/tag_der_lehre/

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