„Theater ist ein Ereignis“

17.02.2022 von Tom Leonhardt in Wissenschaft, Forschung
Wie werden Flucht und Migration im deutschen und französischen Theater behandelt? Welche neuen Möglichkeiten ergeben sich für Migrantinnen und Migranten? Und wie kann Theater dazu beitragen, politische Herausforderungen zu bewältigen? Diesen Fragen geht die Nachwuchsforschergruppe „Migration und Flucht“ nach. In dieser Woche treffen sich die Mitglieder in Halle zu einem Workshop. Die Romanistin PD Dr. Natascha Ueckmann betreut das Projekt seitens der MLU und spricht über die Forschung.
In der Oper Halle wurde 2018 und 2019 „L’Africaine“ von Giacomo Meyerbeer aus dem 19. Jahrhundert gemeinsam von einem europäisch-afrikanischen Team neu interpretiert und aufgeführt. Ziel war es, das koloniale Erbe der Oper zu hinterfragen.
In der Oper Halle wurde 2018 und 2019 „L’Africaine“ von Giacomo Meyerbeer aus dem 19. Jahrhundert gemeinsam von einem europäisch-afrikanischen Team neu interpretiert und aufgeführt. Ziel war es, das koloniale Erbe der Oper zu hinterfragen. (Foto: Falk Wenzel)

Frau Ueckmann, wie sind Sie auf die Idee für das Projekt gekommen?
Natascha Ueckmann: Meine germanistische Kollegin Romana Weiershausen und ich sind 2015 – dem sogenannten langen Sommer der Migration – auf das Theaterstück „Die Schutzbefohlenen“ von Elfriede Jelinek aufmerksam geworden, das sich kritisch mit der damaligen Flüchtlingspolitik in Europa befasst. Das Stück wurde in zahlreichen Theatern der Bundesrepublik aufgeführt. Und plötzlich schien es wichtig, dass auch „authentische Flüchtlinge“ auf der Bühne standen. Mit der Forschungsgruppe wollen wir eine Antwort auf die Frage liefern, welche Rolle Theater bei der Bewältigung und Verhandlung der europäischen Migrations- und Flüchtlingspolitik spielen kann.

Was ist das Besondere am Theater?
Theater ist ein eher wenig beforschter Raum. Das liegt daran, dass es sehr komplex ist. Häufig werden nur die Dramentexte analysiert. Aber Theater ist mehr, es ist ein Ereignis. Man geht ins Theater und da begegnen sich Schauspieler und Publikum. Gleichzeitig lebt das Theater von Innovationen und Experimenten. Die Bühne ist ein Partizipationsraum – hier können auch Menschen mitwirken oder dargestellt werden, die sonst eher marginalisiert werden. Hier bekommen sie eine Stimme. All diese Aspekte hängen sehr stark von der Aufführungs- und Inszenierungspraxis ab. Das kann man allein anhand der Dramentexte nicht rekonstruieren. Das wollen wir greifbarer machen.

Warum haben Sie Deutschland und Frankreich für den Vergleich ausgesucht?
Deutschland und Frankreich sind beides Einwanderungsländer, haben aber eine unterschiedliche Einwanderungsgeschichte. Es gibt migrationsgeschichtlich markant verschiedene Ausgangsbedingungen, aus denen sich wechselseitig lernen lässt: Kolonialgeschichte in Frankreich, Arbeitsmigration in Deutschland.

Natascha Ueckmann
Natascha Ueckmann (Foto: Atelier für Fotografie Jörg Klampäckel, Bremen)

Worum geht es in den Forschungsprojekten konkret?
Wir beschäftigen uns mit der Frage, inwiefern Theater als ästhetischer und politischer Raum genutzt werden kann. Theater als Einmischungskultur in gesellschaftlich oder auch bildungspolitisch relevante Fragen. In einem Promotionsprojekt geht es darum, welche Theaterstücke in Schulen bislang nicht behandelt werden. Tatsächlich ist es so, dass meine Kinder und ich dieselben Stücke in der Schule gelesen haben. (lacht) Warum wird dieser Kanon nicht aktualisiert? Es geht nicht darum, alle Klassiker zu ersetzen, aber darum, durch neue Stücke neue Zugänge zu schaffen. Ein Ziel dieses Projekts ist es, neue Stücke vorzuschlagen, die sich für den Unterricht eignen könnten. Das sind postmigrantische Theaterstücke wie Verrücktes Blut, eine Art „Schiller reloaded“. Hier werden Themen verhandelt, die für die Jugendlichen aufgrund ihrer eigenen, häufig mehrkulturellen Erfahrungen selbstverständlich sind. Sie würden sich in den Themen und Figuren wiederfinden.

Ist der Transfer in die Praxis das Ziel aller Projekte?
Ja und nein. Das zweite Projekt geht den Partizipationsmöglichkeiten für Migrantinnen und Migranten im Theater nach. Hier geht es viel um die Frage, in welchem Maße Theater zur Integration und zum Empowerment von Einwanderinnen und Einwandern beitragen kann. Aber auch um die Frage, ob Migrantinnen und Migranten oder Geflüchtete immer nur diese Rollen spielen dürfen – oder auch mal Faust oder Hamlet. Das dritte Projekt befasst sich mit der Rezeption von Theatertexten und ihren Bühnenumsetzungen in Deutschland und Frankreich. Hier stehen Theaterkritiken im Vordergrund. Ziel ist es zu verstehen, ob in Frankreich und Deutschland – mittels des Theaters – unterschiedlich über Grenzen, Grenzüberschreitungen und Migration diskutiert wird. Hierfür erstellen wir im Rahmen des Projekts übrigens auch eine Datenbank mit bislang über 300 Theaterstücken aus beiden Ländern, die sich mit Flucht und Migration befassen.

Worum geht es bei dem Workshop?
Wir wollen uns über den Stand der Forschungsprojekte austauschen und unseren Promovendinnen gleichzeitig einen Einblick in die Phase nach der Promotion geben. Nicht alle wollen ausschließlich eine wissenschaftliche Karriere weiterverfolgen. Deshalb haben wir uns Lektorinnen und Lektoren verschiedener renommierter Verlage eingeladen, die aus ihrer Berufspraxis erzählen.

Über das Projekt

Die Nachwuchsforschergruppe „Migration und Flucht: Theater als Verhandlungs- und Partizipationsraum im deutsch-französischen Vergleich (1990 bis heute)“ wird seit Februar 2019 von der Hans-Böckler-Stiftung gefördert. Das Projekt ist an der Universität des Saarlandes und der MLU angesiedelt. Alle Promotionen werden binational betreut, also jeweils von Forschenden aus Deutschland und Frankreich.

Weitere Informationen unter: https://theatertexte.uni-saarland.de/flucht-migration/

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Romanistik

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