Studie zu Fridays for Future: Heterogenität und die Rolle für die Demokratie

18.01.2022 von Claudia Neumeier in Wissenschaft, Forschung
Dr. Ilkhom Soliev von der Uni Halle forscht zu Zusammenhängen von sozialen und umweltpolitischen Themen. Zuletzt hat er sich mit der Klimastreik-Bewegung Fridays for Future auseinandergesetzt. Im Interview spricht er über seine Forschung und die politische Bedeutung der Bewegung.
Auf Demonstrationen fordert die Bewegung Fridays for Future zur Bewältigung der Klimakrise auf.
Auf Demonstrationen fordert die Bewegung Fridays for Future zur Bewältigung der Klimakrise auf. (Foto: pixabay)

Fridays for Future ist eine gesellschaftliche Bewegung, die die Politik auffordert, die Herausforderungen der Klimakrise zu bewältigen. Vor Kurzem haben Sie eine Studie über die Bewegung veröffentlicht. Welche Aspekte haben Sie untersucht?
Ilkhom Soliev: Wir haben zwei Fragen behandelt. Zum einen wollten wir die Diversität innerhalb der Bewegung verstehen. Obwohl Fridays for Future eine Einheit an Menschen darstellt, die gemeinsam politischen Wandel fordert, unterstützt nicht jedes Mitglied der Bewegung dieselbe Politik. Zum anderen haben wir versucht herauszufinden, inwiefern sich politische Teilhabe auf Zustimmung zu politischen Plänen auswirkt.

Was eint die Bewegung Fridays for Future und was trennt sie?
Was sie vereint, ist eine Unzufriedenheit mit gewissen politischen Entscheidungen sowie ein Verlangen nach Wandel, gerade im umweltpolitischen und sozialen Bereich. Wie genau dieser Wandel vonstattengehen soll und welche Maßnahmen im Detail nötig sind, um dem Klimawandel zu begegnen, darüber gehen die Meinungen doch auseinander.

Ilkhom Soliev
Ilkhom Soliev (Foto: privat)

Können Sie ein Beispiel nennen? Zu einer Maßnahme haben Sie die Demonstrierenden ja näher befragt.
Wir haben 119 Demonstrierende in Halle und Leipzig zur CO2-Steuer befragt, da wir sie für eine der kontroverseren Maßnahmen halten. Diese haben wir nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen aufgeteilt. Die Kontrollgruppe fragten wir, ob sie die CO2-Steuer unterstützen würde. Die Versuchsgruppe sollte unter anderem zusätzlich darüber abstimmen, in welche Politikbereiche die Einnahmen aus der CO2-Steuer fließen sollten. Wenig überraschend fanden eine nachhaltige Wirtschafts- und Energiepolitik sowie Naturschutz und Bildung die meiste Zustimmung.

Tatsächlich haben die Befragten die CO2-Steuer eher unterstützt, wenn sie vorher über ihre Verwendung abstimmen konnten. Das bestätigt eine gängige Annahme der Soziologie und Politikwissenschaft: Wenn ich am politischen Prozess teilhaben kann, bin ich gewillter, diese Politik zu unterstützen. Das stimmt besonders für demokratische Gesellschaften. Die Studie ist also auch eine Studie über Demokratie. Das ist es, was Fridays for Future so bedeutsam macht. Nicht unbedingt als Bewegung für Klimapolitik, sondern weil dadurch eine Generation von aktiven Bürgerinnen und Bürgern entsteht, die am demokratischen Prozess teilhaben will.

Gibt es einen Rat, den Sie der Politik geben möchten?
Ein ziemlich unerwarteter Befund für uns war, dass nicht eine Person die CDU/CSU unterstützt hat, die zum Zeitpunkt der Befragung die führende Regierungsfraktion war. Seit der Befragung sind zwei Jahre vergangen und die letzte Wahl hat gezeigt, dass Wandel auch in der Gesamtbevölkerung gewünscht ist. Die Forderungen von Fridays for Future finden auch über die Bewegung hinaus Anklang. Das sollten Politikerinnen und Politiker ernst nehmen.  

Ein zweiter Rat wäre, die Heterogenität der Gruppe anzuerkennen. Es gibt bei Fridays for Future Menschen mit tendentiell sehr starken Positionen, die einen grundlegenden Wandel fordern, und einige „Mitläufer“, die zwar auch Wandel wollen, aber keine starken Positionen einnehmen. Und dann gibt es eine Gruppe im mittleren Spektrum. Sie analysiert neue Informationen und bildet sich darauf basierend eine differenzierte Meinung. Fridays for Future darf nicht über einen Kamm geschert werden.

Werden Sie Fridays for future auch künftig erforschen?
Ja und Nein. Gerade arbeiten wir an einer ähnlich konzipierten Studie in den USA, die sich mit Wahlverhalten beschäftigt. In Sachen Fridays for Future müssen wir erst einmal abwarten, denn die Bewegung ist im Wandel. Sie ändert ihre interne Struktur und ihre Strategie. Auch die Pandemie hat einiges durcheinandergebracht. Die neue Bundesregierung versucht, auf Forderungen nach mehr Klimapolitik einzugehen. Wie sich das auf Fridays for Future auswirkt, wird sich erst noch zeigen.


Studie: Soliev I. et al. Channeling environmentalism into climate policy: an experimental study of Fridays for Future participants from Germany. Environmental Research Letters (2021). https://doi.org/10.1088/1748-9326/ac30f7

Zur Person:

Dr. Ilkhom Soliev ist ein interdisziplinärer Sozial-Umweltwissenschaftler. Er studierte Wirtschaftswissenschaften am Tashkent Institute of Architecture and Construction in Usbekistan und Umweltwissenschaften und -politik an der University of Manchester und Central European University. Nach einiger Zeit Arbeit bei den Vereinigten Nationen promovierte er von 2012 bis 2016 in Institutionenökonomik an der Technischen Universität Berlin. Seit 2016 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter (Habilitand) an der Uni Halle an der Professur für Agrar-, Umwelt- und Ernährungspolitik von Prof. Dr. Insa Theesfeld. Die Studie wurde im Rahmen des Gastaufenthaltes von Soliev am Center for Behavior, Institutions and the Environment von Prof. Dr. Marco A. Janssen an der Arizona State University konzipiert. Soliev untersucht die Verbindungen zwischen globalen Umweltherausforderungen und lokalen Praktiken. Hierbei interessieren ihn insbesondere institutionelle und verhaltensbezogene Veränderungen als Treiber der oder Reaktion auf Umweltveränderungen. Seine Forschungsinteressen konzentrieren sich auf Evaluierung von Ressourcenpolitik, Aktivismus, sozialem Lernen und innovativen Governanceansätzen wie die Rechte der Natur.

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Umweltschutz

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