International aktiv, lokal verankert: Zum Tod von Reinhard Kreckel

10.07.2026 von Reinhold Sackmann in Personalia
Altrektor Prof. Dr. Reinhard Kreckel ist am 3. Juli im Alter von 85 Jahren verstorben. Der Soziologe hat vielfältige Spuren in Halle und Wittenberg hinterlassen. Als Dozent und Forscher war er zudem jahrelang im Ausland tätig. Ein Nachruf von Prof. Dr. Reinhold Sackmann
Reinhard Kreckel
Reinhard Kreckel (Foto: Stefan Schwendtner)

Mit Reinhard Kreckel verliert die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) eine der prägendsten Personen der Universitätsgeschichte nach der Wende. Reinhard Kreckel hat nicht nur während seiner Zeit als Rektor 1996 bis 2000 wichtige Meilensteine gesetzt.

Als Gründungsprofessor für Soziologie baute er seit 1992 das Institut für Soziologie nach der Unterdrückung und Gängelung unter zwei Diktaturen neu auf und formte es bis zu seiner Verrentung 2006 zu einer der wichtigsten Lehr- und Forschungseinrichtungen Ostdeutschlands, die unter anderem bereits 1995 den Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie veranstaltet hat. 

Als Rektor übernahm er das Amt, nachdem von seinen Vorgängern die Restrukturierung der MLU nach der DDR bereits vorgenommen wurde, sich aber ab Mitte der 1990er Jahre Ernüchterung abzeichnete, sodass erforderlich wurde, dass die MLU mit klugen strategischen Entscheidungen ein nach außen und innen strahlendes Profil erreicht. Mit der von ihm geförderten Ansiedlung des Max-Planck-Instituts für ethnologische Forschung ist es ihm gelungen, einen international sichtbaren Leuchtturm zu setzen, der seiner Überzeugung entsprach, dass Halle Teil einer vielfältigen Weltgesellschaft ist. Nicht zufällig trägt die Sammlung seiner veröffentlichten Rektoratsreden den Titel „Vielfalt als Stärke“. 

Reinhard Kreckel bei der Investitur im Jahr 1996
Reinhard Kreckel bei der Investitur im Jahr 1996 (Foto: Bildstelle MLU)

Während seiner Ägide bekam der zentrale Universitätsplatz mit seinen Neubauten des Auditorium Maximum und des Juridicums, aber auch seiner Freitreppe und seinen Grünflächen die Gestalt eines zentralen ästhetisch anspruchsvollen Platzes, der mit seiner hohen Aufenthaltsqualität alle universitären Gruppen und die Stadtgesellschaft zusammenbringt. Dass das Ensemble der Gebäude dabei auch stimmig ist, weil es jede historische Zeit zur eigenen Geltung kommen lässt, aber doch die Zeiten kommunizieren lässt, entspricht ebenfalls Grundhaltungen von Reinhard Kreckel, der für Denkmalschutz eintrat, aber auch darauf achtete, dass nicht ein rigider Pseudo-Historismus die Ausdruckskraft der Gegenwart erstickt. Dadurch besitzt die MLU heute einen der schönsten Universitätsplätze Deutschlands. 

Sachsen-Anhalt ist kein Bundesland für Schönwetter-Politiker und -Wissenschaftler, die nur klug agieren können, wenn das finanzielle Füllhorn überallhin ausgeschüttet wird. Wenn demografischer Wandel und wirtschaftliche Krisen das Land beuteln, muss leider auch die Universität sparen. Auch in diesem Feld war sich Kreckel Anfang der 2000er Jahre nicht zu schade, im Akademischen Senat für Kompromisse zu kämpfen, die möglichst zentrale Bereiche zukünftiger Forschung und Lehre schützen, aber dennoch an einigen Stellen Doppelstrukturen beseitigen.

Das Handeln vor Ort, das Kümmern um die lokale Gesellschaft war für Kreckel ebenso wichtig wie sein Weltbürgertum. Mit der „Montagsgesellschaft“ hat er zusammen mit seiner Frau Marga und der Direktorin der Kunstsammlung Moritzburg Katja Schneider einen zentralen Ort des Austausches lokaler Eliten geschaffen. In diesem Salon trafen sich einmal im Monat führende Vertreter von Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft und Politik, um über Projekte und Probleme nachzudenken. Gerade in einer Stadtbürgerschaft, die durch zwei Diktaturen kujoniert und zersplittert worden ist, war es wichtig, alte und neue Bürger aus den verschiedensten Bereichen im freien Austausch zusammenzubringen, um die Stadt voranzubringen. Wenn Kreckel im privaten Gespräch die „Di-Mi-Do-Professoren“ und „Gar-Nie-Da-Professoren“ kritisierte, so geschah dies aus dem Wissen heraus, dass jede Wissenschaft neben der Teilhabe am weltweiten Diskurs der Disziplin auch einen Austausch mit ihrem Heimatort braucht, um immer wieder relevante Themen zu generieren und um gesellschaftlich wirkungsvoll zu bleiben.

Seit dem frühen 19. Jahrhundert gehört zur Identität der MLU auch der Ort Wittenberg. Als Direktor des Instituts für Hochschulforschung (HoF) von 2001 bis 2010 hat Kreckel gezeigt, dass Wittenberg nicht nur die leere Gebäudehülle einer Tradition ist, sondern dass man dort vor Ort kontinuierlich forschen und arbeiten kann.  Das HoF ist unter seiner Leitung zu einer der deutschlandweit führenden Hochschulforschungseinrichtungen geworden und wird auch international wahrgenommen. Unter den vielen Projekten sei vor allem das Buch „Zwischen Promotion und Professur“ hervorgehoben. In ihm wird auf Grundlage umfangreicher empirischer Forschung die bedauernswerte Position des wissenschaftlichen Nachwuchses an deutschen Universitäten weit vor den „#IchBinHanna“-Kampagnen geschildert. Kreckel analysiert lösungsorientiert dieses Thema, auch weil er in seiner eigenen Karriere sehr intensiv die Absurditäten westdeutscher Ordinarienuniversitäten in München und (schon schwächer) in Erlangen-Nürnberg erlebt hat, in denen die herausgehobene hierarchische Stellung von Lehrstuhlinhabern im Kontrast zu ihren leistungsscheuen Allüren stehen konnte. Demgegenüber konnte Kreckel bei seinen langjährigen Dozententätigkeiten in Schottland, Kanada, den USA, Frankreich und Österreich beobachten und erleben, dass der Weg zur Professur und zu Lehrtätigkeiten kreativer gestaltet werden kann, mit einem besseren Lehrertrag für die Studierenden und geringeren persönlichen Blessuren für den wissenschaftlichen Nachwuchs. 

Reinhard Kreckel hat ein vielfältiges wissenschaftliches Werk hinterlassen, das systematische theoretische Reflexion mit nüchterner empirischer Analyse verbindet. Es seien hier nur drei Schriften hervorgehoben. Der 1983 von ihm herausgegebene Sammelband „Soziale Ungleichheiten“ veränderte die deutsche Sozialstrukturforschung nachhaltig, vor allem auch deshalb, weil Kreckel während seiner Gastprofessur in Paris Pierre Bourdieu dazu bringen konnte, seine breit verstreut vorliegenden Überlegungen in einem konzisen Artikel zu drei Kapitalsorten zusammenzufassen. Dieser Artikel wird noch heute sehr häufig in Lehrveranstaltungen verwendet, er war auch ein wichtiger Meilenstein für die deutsche Rezeption von Bourdieu, der zum einflussreichsten französischen Soziologen des letzten Jahrhunderts wurde. 

Mit dem 1992 erstmals erschienenen Hauptwerk „Politische Soziologie der sozialen Ungleichheit“ hat Kreckel gezeigt, dass die Blindheit von früheren Sozialstrukturforschern für staatliches Handeln und soziale Bewegungen zu Verkürzungen geführt hat. Gleichzeitig arbeitet er in diesem Buch heraus, dass auch „neue Ungleichheiten“ zum Beispiel des Geschlechterverhältnisses machttheoretisch und sowohl mikro- wie makrosozial analysiert werden können und sollen. Die drei Auflagen für dieses Werk zeigen eine breite Rezeption und Wertschätzung in der Disziplin an.

Demgegenüber gehört „On Academic Freedom and Elite Education in Historical Perspective“ zu den seltener wahrgenommenen Aspekten seines Œuvres, die aber dennoch zu entdecken sind. Er schildert darin 2017 quelleninformiert vergleichend den Aufstieg und Fall islamischer Universitäten, die im Mittelalter dem Abendland deutlich überlegen waren, aber danach durch Systeme von Hausberufungen ihre Innovationskraft in der Forschung genauso verloren wie ihre Brillanz in der Lehre.  In diesem Aufsatz wird deutlich, dass das Soziologieverständnis Kreckels an Weber geschult war im Sinne einer vergleichend historischen Analyse sozialer Prozesse. In dieser Schrift kommt auch zum Ausdruck, dass ein langer Arbeitsaufenthalt zusammen mit seiner Frau Marga in Algerien sein Interesse an islamischen Gesellschaften in Vergangenheit und Gegenwart geweckt hat.

Reinhard Kreckel war eine angenehme Person. Seine kritische Distanz zu Ideologien und Interessen fand in feiner Ironie ihren Niederschlag. Seine Toleranz gegenüber Menschen und Strukturen kam in einer seiner Lieblingswendungen zum Ausdruck: „es menschelt“. Wenn es „menschelte“, dann machte die Verwaltung unsinnige Vorschriften, die hahnenkämpfenden Professoren brachten die absurdesten Anliegen vor und persönliche Animositäten verunmöglichten sinnvolle Kooperationen. „Menscheln“ deutet dieses ärgerliche Verhalten nicht als Angriff auf die eigene Person, sondern als Resultat der Fehlerhaftigkeit unseres Charakters. Weil Kreckel die universitäre Welt so gedeutet hat, konnte er gut mit den Konflikten innerhalb der Universitas umgehen. Leitungsaufgaben verstand er primär als Koordinationsaufgaben. Kreckel blieb auch als Rektor ein nüchterner Soziologe, der sach- und lösungsorientiert und nicht normativ verbohrt war. Dies verband sich mit einer Leidenschaft für soziale Gruppen, die auch in der Universität manchmal übersehen werden. Gerechtigkeit war für ihn ein Wert, den er nicht nur theoretisch sehr breit reflektiert hat und in seiner Lehre diskutiert hat, sondern auch eine Haltung.

Die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg verliert mit Reinhard Kreckel einen würdigen Vertreter von gesellschaftsfördernder Gelehrsamkeit, der Spuren hinterlassen hat. Er wird uns fehlen.            

***
Der Autor Prof. Dr. Reinhold Sackmann ist Soziologe und hatte von 2004 bis zu seinem Ruhestand im Frühjahr dieses Jahres die Professur für Soziologie, insbesondere Sozialstrukturanalyse moderner Gesellschaften, an der MLU inne. Er war zudem Sprecher des Standorts Halle im Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt. 

Kategorien

Personalia

Schlagwörter

Nachruf

Kommentar schreiben

Auf unserer Webseite werden Cookies gemäß unserer Datenschutzerklärung verwendet. Wenn Sie weiter auf diesen Seiten surfen, erklären Sie sich damit einverstanden. Einverstanden