Smarte Helfer für die Pflege

Es ist ein Alltagsszenario, das vor allem ältere Menschen und ihre Angehörigen kennen: Zu bestimmten Zeiten müssen viele unterschiedliche Medikamente eingenommen werden. Häufig werden sie aber vergessen oder verwechselt, was zu schwerwiegenden gesundheitlichen Problemen führen kann. Hier setzt die „Anabox smart“ an, eine intelligente Medikamentenbox, die die Möglichkeiten der Digitalisierung nutzt. In 28 Bechern – vier für jeden Wochentag – können Patientinnen und Patienten beziehungsweise Pflegende die Medikamente für die ganze Woche vorbereiten und per Smartphone die Einnahmezeit programmieren. Pünktlich erinnert die Box dann per Licht- und Tonsignal daran und prüft außerdem, ob der jeweilige Becher entnommen wurde. Pflegende Angehörige können in der zugehörigen Smartphone-App die Entnahme der Becher ebenfalls sehen, selbst wenn sie nicht vor Ort sind. Falls nötig, können sie zum Telefon greifen oder direkt nach dem Rechten schauen.

Die „Anabox smart“ ist keine Idee mehr, sondern ein normal erhältliches Produkt. Im Jahr 2025 hat sie einen wichtigen Meilenstein erreicht: Sie wurde als Medizinprodukt in den Hilfsmittelkatalog der Krankenkassen aufgenommen. Damit können Kassen die Kosten für den Kauf der Box übernehmen. Entwickelt wurde sie in Halle mit maßgeblicher Unterstützung der Medizinischen Fakultät der MLU. „Die Idee dazu hatte ich, als bei meiner Oma Parkinson festgestellt wurde und wir uns nicht mehr sicher sein konnten, dass sie ihre Tabletten einnimmt. Ohne das Netzwerk an der Universität hätte ich das Projekt niemals umsetzen können“, sagt Robert Gühne, Geschäftsführer des Start-ups „wirewire“, das die Box entwickelt.
Das Unternehmen ist Teil des Verbundvorhabens „Innovationsregion für die digitale Transformation von Pflege und Gesundheitsversorgung“ (TPG), mit dem die Strukturwandelregion des Mitteldeutschen Reviers in Sachsen-Anhalt eine Modellregion für zukunftsweisende Gesundheitsversorgung werden soll. Das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt stellt für den Verbund bis 2033 jährlich bis zu 20 Millionen Euro für Forschungsund Entwicklungsprojekte zur Verfügung. Koordiniert wird der Verbund an der Medizinischen Fakultät, die in vielen Projekten auch die wissenschaftliche Begleitforschung übernimmt.
Die Geschichte der Medikamentenbox ist ein Paradebeispiel für die Arbeit, die die TPG leisten will: Aus einem konkreten Bedarf in Pflege und Gesundheitsversorgung entstehen mit Hilfe digitaler Technologien neue Produkte und Lösungen. Prof. Dr. Patrick Jahn, Professor für Pflege- und Versorgungsforschung an der Medizinischen Fakultät und wissenschaftlicher Leiter der TPG, sagt: „Unser Netzwerk im Bereich Pflege ist in Deutschland einzigartig. Am Beispiel der Anabox sehen wir, wie der Austausch von Forschung, Entwicklung und der Pflegepraxis funktioniert.“ Startups wie das von Robert Gühne werden in den Förderrunden der TPG explizit angesprochen und dabei unterstützt, Partner aus der Versorgung und aus der Forschung zu finden. Über 200 Partner gehören inzwischen zum Innovationsnetzwerk, das stetig wächst.
Gühne ist mit seinem Unternehmen und der Medikamentenbox bereits seit Längerem dabei. Schon im TPG-Vorgänger „Translationsregion für digitale Gesundheitsversorgung“ (TDG, siehe Infobox) haben Forschende der Universität das Start-up mit Praxispartnern vernetzt, etwa mit dem Seniorenverein Nauendorf und einem Pflegedienst in Petersberg, beides Orte im Saalekreis im Süden Sachsen-Anhalts. Deren Bedarfe und Erfahrungen sind direkt in die Entwicklung eingeflossen. „Es ist von unschätzbarem Wert, wenn man ein Problem hat und dann einfach jemanden anrufen kann“, sagt Gühne. Das gelte auch für den komplizierten und langwierigen Zulassungsprozess für Medizinprodukte, für den Gühne auf die Expertise des Netzwerks zurückgriff.
Gühne hat Pläne, um die „Anabox“ weiter zu verbessern: Aktuell erkennt die Medikamentenbox, dass ein Becher entnommen wurde. Ob ein Medikament aber auch tatsächlich eingenommen wird, kann sie nicht kontrollieren. Gühne möchte das mit Hilfe künstlicher Intelligenz lösen. In einem neu geförderten TPG-Projekt kooperiert er dafür mit Forschenden der Universitätsmedizin Halle. Die KI soll mit einem Kamerasystem und Sensoren überprüfen, ob die Patientinnen und Patienten gezielte Handbewegungen zum Mund ausführen. Andernfalls erinnert die Box an die einzunehmenden Tabletten.

Auch die Sonotec GmbH, ein in Halle ansässiges Unternehmen für Ultraschallsensoren in Messund Prüftechnik, ist Teil des Innovationsnetzwerks TPG. Gemeinsam mit Dr. Stefan Wiegand, Urologe in Halle, hat Sonotec den „Uroflow 2.0“ entwickelt – in enger Zusammenarbeit mit dem halleschen Universitätsklinikum. „Die Erfahrungen aus der Pflege waren enorm wichtig“, sagt Hans-Joachim Münch, Mitgründer und bis 2023 Geschäftsführer von Sonotec. Inzwischen arbeiten bis zu zwölf Personen an der Weiterentwicklung des Prototyps. Für den europäischen Markt wurde bereits ein Patent erteilt, der Prozess für den US-amerikanischen Markt läuft. „Dank der Förderung kann ich für die Praxistests zwei wissenschaftliche Mitarbeitende beschäftigen“, sagt Wiegand.
Wie die Medikamentenbox löst „Uroflow 2.0“ ein medizinisches Alltagsproblem. Schwierigkeiten beim Wasserlassen können frühe Hinweise auf ernsthafte Erkrankungen sein. Allerdings ist es sehr aufwändig, den genauen Urinfluss zu messen, also die Menge des Urins in einer bestimmten Zeiteinheit. Es braucht sensible Waagen mit Zeitmessfunktion, deren hygienische Reinigung im Praxisalltag herausfordernd ist. Mit dem „Uroflow“ sollen sich Messungen via Ultraschall-Sensor sogar von den Patientinnen und Patienten selbst zu Hause durchführen lassen. Die Ergebnisse können dann online vom behandelnden Arzt eingesehen und ausgewertet werden. Damit steht das Gerät geradezu exemplarisch für „Digital Health“, also den Einsatz digitaler Technologien in vielfältigen Bereichen des Gesundheitswesens, mit denen auch Versorgungsprobleme im ländlichen Raum behoben werden können. Denn häusliche Messungen wie diese entlasten Betroffene und das Praxispersonal, ohne Abstriche bei der medizinischen Behandlung machen zu müssen.
„Anabox“ und „Uroflow“ stehen stellvertretend für die Arbeit in den bis zu 80 geplanten TPG-Projekten, die an der Schnittstelle von Wissenschaft, Wirtschaft, Gesundheit und Pflege angesiedelt sind. Sie zeigen das große Potenzial, das in dem Netzwerk steckt. Patrick Jahn: „Bündnisse wie dieses sorgen dafür, dass wir auch wissen, was Unternehmen in der Region brauchen, um Innovation forschungsgetrieben zu gestalten und das südliche Sachsen-Anhalt nachhaltig zu transformieren.“
Mehr Informationen unter:
www.tpg-health.de
TPG
Die Innovationsregion für die digitale Transformation von Pflege und Gesundheit (TPG) wird von 2025 bis 2033 vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt gefördert, finanziert aus Mitteln des Strukturstärkungsgesetzes. Bis zu 80 Projekte im Bereich Digital Health sollen umgesetzt werden. Dafür stehen pro Jahr etwa 20 Millionen Euro bereit, um die Gründung und Ansiedlung von Start-ups sowie die Schaffung von Arbeitsplätzen in den Landkreisen des südlichen Sachsen-Anhalts und der Stadt Halle zu fördern. Seit 2020 wurde an der Universitätsmedizin Halle bereits die „Translationsregion für Digitale Gesundheitsversorgung“ (TDG) koordiniert und das heutige Netzwerk maßgeblich vorbereitet. Bereits dabei wurden von Medikamentendrohnen über robotergestützte Dialyseanwendungen bis hin zu VR-gestützter Pflegeausbildung innovative Projekte umgesetzt.