„Ich habe Lust, etwas zu gestalten“

09.06.2022 von Katrin Löwe in Wissenschaft, Personalia
Der hallesche Theologe Prof. Dr. Jörg Dierken ist seit dem 1. Mai Vorstandsvorsitzender der Stiftung Leucorea. Nachdem die großen Jubiläen, etwa das Reformationsjubiläum und die 200. Wiederkehr der Vereinigung der Universitäten Halle und Wittenberg, gefeiert sind, ist eines der wesentlichen Ziele seiner Arbeit, Wittenberg als Forschungsstandort weiter zu stärken.
Jörg Dierken im Gespräch über sein neues Amt an der Leucorea
Jörg Dierken im Gespräch über sein neues Amt an der Leucorea (Foto: Markus Scholz)

In einem der neuen Forschungsprojekte an der Leucorea geht es um einen umkämpften Markt: um Immobilien, um lukrative Posten. „Und es sind bestimmt nicht nur schöne Dinge, die man da erfährt“, prophezeit Jörg Dierken, Professor für Systematische Theologie an der MLU mit dem Schwerpunkt Ethik. In dem Projekt mit dem Titel „Häuserbuch Wittenberg“ sollen aus der Denkmalgeschichte heraus Sozialstrukturen und Lebensverhältnisse in Wittenberg in der Frühneuzeit erschlossen werden. Wer hat an wen welches Flurstück verkauft, welche Familienclans hat es gegeben, inwieweit war beides mit Karrieren an der Universität, der Leucorea, verbunden? War Familien- und Heiratspolitik also auch Stadt- und Universitätspolitik? „Das alte Wittenberg war eine kleine Stadt von wenigen tausend Einwohnern, in der die Universität die zentrale Einrichtung war“, sagt Dierken. Man werde an den Ergebnissen sicherlich sehen können, wie sich eine bürgerliche, um die Universität gruppierte Stadtgesellschaft reproduziert hat. Fünf bis sechs Mitarbeiterstellen sollen für das Projekt geschaffen werden.

Das Projekt soll auch etwas bewirken, was Dierken – selbst wenn er persönlich nicht an ihm beteiligt ist – sehr am Herzen liegt: dass die Wittenberger Leucorea auch in Zukunft als Forschungsstandort wahrgenommen wird. „Dazu möchte ich beitragen“, sagt er. Seit dem 1. Mai ist der gebürtige Niedersachse Vorstandsvorsitzender der 1994 als An-Stiftung der Universität gegründeten Leucorea. Er löste den Theologen Prof. Dr. Ernst-Joachim Waschke ab, der der Leucorea fast anderthalb Jahrzehnte vorstand.

Dierken ist erfahren, auch in institutionellen Fragen – als Gründungsdekan hat er zum Beispiel den Aufbau einer Großfakultät für Geisteswissenschaften in Hamburg geleitet. In Halle, wo er seit 2010 die Professur für Systematische Theologie/Ethik innehat, engagiert er sich bereits in den Ethikkommissionen des Landes und der Universitätsmedizin, im Interdisziplinären Zentrum Medizin-Ethik-Recht, im Interdisziplinären Zentrum für die Erforschung der Europäischen Aufklärung und als Vorsitzender der Schleiermacher-Gesellschaft. Und nun noch ein Amt? Er habe überlegt, sagt der Theologe. „Wenn ich etwas übernehme, dann will ich mich auch reinhängen.“ Einige Argumente hätten für ihn als neuen Leucorea-Vorsitzenden gesprochen – auch, dass das Amt durch jemanden aus der Theologischen Fakultät besetzt sein sollte, als natürliche Verbindung von evangelischer Theologie nach Wittenberg. Dierken ist 63 Jahre alt, sein Ruhestand nach dem Wintersemester 2024/25 zeichne sich ab, sagt er. Aber auch mit der Emeritierung wolle er nicht „den Griffel aus der Hand legen.“ Im Gegenteil: „Ich habe Lust, noch etwas zu gestalten und Duftnoten zu setzen.“

Er denke die Leucorea in drei Kontexten, sagt Dierken: in ihrer Bedeutung für die Geschichte und Identität der MLU und als deren integraler Bestandteil, in ihrer Rolle für Stadt, Region und Land und der Funktion, das Weltkulturerbe der Lutherstadt öffentlich präsent zu halten, und in ihren Verbindungen in den kirchlichen Raum. Die Amtszeit seines Vorgängers sei geprägt gewesen durch die Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung der großen Jubiläen wie des 500. Reformationsjubiläums oder des 200. Jahrestages der Vereinigung der Universitäten Halle und Wittenberg, sagt Dierken. „Ernst-Joachim Waschke hat einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet, dass die Leucorea an Bekanntheit gewonnen hat, an Gewicht als Ausrichterin von Kongressen und Tagungen – und vor allem als Ort von Forschung.“ Dierken nennt als Beispiele die 2014 eingerichtete Graduiertenschule „Kulturelle Wirkungen der Reformation“ oder die seit 2018 im Vollbetrieb arbeitende Reformationsgeschichtliche Forschungsbibliothek. In ihr vereinigen die Leucorea, die Stiftung Luthergedenkstätten, das Evangelische Predigerseminar und die Universitäts- und Landesbibliothek einen Bestand von etwa 100.000 historischen Bänden aus den Jahren vor 1850 und etwa 120.000 Bänden Forschungsliteratur.

Aktuell wirken rund 20 Personen an Forschungsprojekten der Leucorea mit. Neben der Beteiligung an einem Langfristvorhaben der Deutschen Forschungsgemeinschaft zu Philipp Hainhofer (1578–1647), einem Vermittler zwischen Politik, Diplomatie und Kunst, gibt es die Forschungsstelle Hebraistik und eine Arbeitsstelle zur Septuaginta, der bedeutendsten griechischsprachigen Version des Alten Testaments. Dazu kommt das „Mittelelbische Wörterbuch“, ein Projekt, in dem seit 1935 zu Dialekten im Norden und der Mitte Sachsen-Anhalts geforscht wird. Das einst von dem Germanisten Karl Bischoff gestartete und nach längerer Pause 1992 fortgesetzte Projekt soll laut Dierken jetzt zum Abschluss gebracht werden.

Weitere Forschungsvorhaben sind in Vorbereitung, Dierken hat sich in Zusammenarbeit mit dem Vorstand, der Geschäftsführung und der Geschäftsstelle der Stiftung noch einiges vorgenommen, auch ohne den – nicht zuletzt finanziellen – Rückenwind der Jubiläen. Vor allem gelte es, den Schwung der vergangenen Jahre „in die Mühen der Ebene mitzunehmen“, in das nach den Corona-Beschränkungen neu anlaufende akademische Leben in Präsenz. Dabei wolle er Projekte unter anderem mit seiner Erfahrung mit Förderinstitutionen begleiten, aber auch thematische Schwerpunkte setzen im Bereich „Kulturelle Wirkungen der Reformation“. Er könne sich zum Beispiel vorstellen, eine Forschung zu Bildern der Reformation in unterschiedlichen Zeiten zu starten. „In welchen Punkten hat man Narrative fortgesponnen, wo hat man sich distanziert?“ Interessant sei für ihn auch die Beleuchtung der Reformation aus einer anderen Sicht. „Auf der einen Seite wird gesagt, sie ist die Gründungsstunde unserer heutigen Demokratie und das Grundgesetz ist - bewusst überspitzt formuliert - in Wittenberg geschrieben worden“, so Dierken. Auf der anderen Seite heiße es, die Reformation könne nur im Kontext des spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Geschehens betrachtet werden, mit der modernen Welt habe das nichts zu tun. „Dass man nur diesem oder jenem Deutungsschema folgt, möchte ich unterlaufen.“

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