Engagiert für Hochschulsport: Zum Tod von Hans-Georg Voigt

14.12.2023 von Prof. Dr. Theo Austermühle in Personalia
Am 25. Oktober 2023 ist Dr. Hans-Georg Voigt im Alter von 99 Jahren verstorben. Er war Alumnus der MLU und darüber hinaus Ehrenmitglied und das letzte noch lebende Gründungsmitglied des „Allgemeinen deutschen Hochschulsportverbandes". Der emeritierte Sportwissenschaftler Prof. Dr. Theo Austermühle hat einen Nachruf auf ihn verfasst.
Hans-Georg Voigt auf der adh-Vollversammlung 2012
Hans-Georg Voigt auf der adh-Vollversammlung 2012 (Foto: adh)

Hans-Georg Voigt, Jahrgang 1924, begann 1946 an der Martin-Luther-Universität Halle Wittenberg ein Studium als Neulehrer. Während des 1. Studentenkongresses der sowjetischen Besatzungszone (SBZ) vom 19. bis 22. Juni 1947 in Halle sprechen sich die Studentenvertreter dahingehend aus, dass studentische Belange in die Hände studentischer Selbstvertretungen gehören. Daraufhin werden  Ernst Ludwig Zacharias zum Vorsitzenden des Studentenrates und Hans-Georg Voigt zu dessen Stellvertreter für Kultur und Sport für die Martin-Luther-Universität gewählt.

Am 2. April 1948 treffen sich in Bayrischzell 14 Sportreferenten der Universitäten der amerikanischen, zehn Sportreferenten der britischen, ein Sportreferent der französischen und ein Sportreferent der sowjetischen Besatzungszone, um die „Arbeitsgemeinschaft deutscher Hochschulsportreferenten" (ADH) zu gründen. Das war die erste Arbeitsgemeinschaft vor allen überregionalen Verbänden im Nachkriegsdeutschland. Der Deutsche Sportbund wurde zum Beispiel erst 1950 gegründet. Der hallesche Student Hans-Georg Voigt nimmt nach abenteuerlichen Reiseumständen mit dem Mandat des halleschen Studentenrates an dieser Tagung teil. Als der „ADH" zur zweiten Tagung vom 7. bis 12. September nach Seeshaupt einlädt, reist er sogar mit dem Mandat und einer Grußadresse des Studentischen Zonenrates der SBZ. Da für diese Reisen keine gültigen Reisepapiere zu erlangen waren, gibt es durch die illegalen Grenzübertritte wiederholt Probleme bis hin zu seiner zeitweiligen Internierung. Nach diesen Geschehnissen erfuhr der erste Vorsitzende des ADH Richard Vorhammer bis 1991 nichts mehr über den Verbleib des ersten Ostzonenreferenten. Dieser nahm 1991 wieder zu Vorhammer, Regierungsrat in Bayern, Kontakt auf, wurde anlässlich der adh-Vollversammlung 1996 zu dessen Ehrenmitglied ernannt.

Natürlich stehen heute seine abenteuerlichen Reisen und Tagungsteilnahmen stärker im Mittelpunkt als seine nicht weniger gefährlichen Initiativen, um das sportliche Leben an der Universität in der Tristesse der Nachkriegszeit durch Vergleichskämpfe mit Hochschulen des mitteldeutschen Raumes, bis hin nach Rostock, wieder aufleben zu lassen. Und das, weil überregionale Sportwettkämpfe zu dieser Zeit verboten sind. Der „ADH" wird 1950 in „Allgemeiner Deutscher Hochschulsportverband" umbenannt und firmiert heute unter dem Kürzel „adh". Er beschickt und organisiert studentische Meisterschaften bis hin zu Universiaden (Weltspiele der Studenten). Aus seinen Reihen sind die ersten Institutsdirektoren renommierter westdeutscher Institute für Leibeserziehung nach dem Zweiten Weltkrieg und auch der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees für Deutschland, Walter Tröger, hervorgegangen. Bereits 1948/49 werden in der DDR insbesondere durch Initiative des späteren Mitglieds des Zentralkomitees der SED, Hermann Axen, die frei gewählten Studentenvertretungen durch Funktionäre der Freien Deutschen Jugend ersetzt, die mitunter mangels akademischer Ausbildung gar nicht studentische Vertreter sein konnten.

Hans-Georg Voigt schloss 1950 sein Studium als Sportlehrer ab. Da er bei dem früheren Direktor des Instituts für Schulhygiene, Prof. Dr. Georg Hinsche, als Assistent tätig war, riet ihm der Dekan der Pädagogischen Fakultät Prof. Dr. Hans Ahrbeck dazu, ein Medizinstudium aufzunehmen. Voigt legt noch die Prüfungen zum Physikum in Halle ab, geht dann nach Rostock und beendet dort sein Medizinstudium. Er wird zunächst Allgemeinmediziner auf Rügen. Seine berufliche Karriere schließt er dann in Binz als langjähriger Direktor eines Kindersanatoriums ab.

Aus Anlass des 50. Jahrestages der Gründung des „adh" lernte ich ihn in München kennen. Seither riss mein Kontakt zu einem der ersten Absolventen des „Instituts für Körpererziehung" nach 1945 nicht ab, der nun als letzter der Gründerväter der ältesten deutschen Sportvereinigung nach dem Zweiten Weltkrieg gestorben ist.

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Der Autor Prof. Dr. Theo Austermühle hatte ab 1992 eine Professur für Sportwissenschaft mit den Schwerpunkten Sportsoziologie und Sportgeschichte an der MLU inne. Von 1993 bis 1998 leitete er das Institut für Sportwissenschaft.

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