„Es ist schön, wieder in Halle zu sein“

20.12.2022 von Moritz Peters in Personalia
Ein Neuanfang in Zeiten von Krisen, Krieg und Corona: Dr. Conrad Krannich ist seit Oktober 2022 der neue Pfarrer für die Evangelische Studierendengemeinde (ESG) Halle. Was seine aktuelle Arbeit prägt und welche Impulse der gebürtige Thüringer in die Gemeinde geben möchte, erklärt er im Gespräch mit „campus halensis“.
Pfarrer Conrad Krannich im Gespräch
Pfarrer Conrad Krannich im Gespräch (Foto: Markus Scholz)

Herr Krannich, sind Sie gut in Halle angekommen? Wie wurden Sie von der Studierendengemeinde aufgenommen?
Conrad Krannich: Ich bin von meiner neuen Gemeinde mit offenen Armen empfangen worden. Halle ist für mich kein unbekanntes Terrain, da ich hier selber zwei Jahre studiert habe und später noch einmal als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig war. Studiert habe ich vorher in Greifswald, Tübingen und Jerusalem, zuletzt war ich Pfarrer in Magdeburg. Jetzt ist es schön, wieder in Halle zu sein und bereits vertraute Menschen zu treffen. Und so weit ist Halle auch von meiner Thüringer Heimat nicht entfernt.

Wenn Sie sich an Ihre eigene Studienzeit erinnern, wie haben sich die Themen und das Leben in einer Studierendengemeinde verändert?
Die Themen, über die wir heute in der Gemeinde diskutieren, unterscheiden sich von den Themen meiner eigenen studentischen ESG-Zeit in Greifswald. 2005 war das. Damals beschäftigten uns erinnerungskulturelle Fragen der Shoa und NS-Diktatur sehr intensiv. Stärker im Blick ist heute die DDR-Vergangenheit, also die Geschichte der Elterngeneration der Studierenden. Generationengerechtigkeit, gutes Wohnen, Ernährungsfragen sind unsere Themen, und ganz oben auf liegt die Sorge angesichts der Klimakatastrophe. Dann reflektieren Studierende natürlich: Auf was für eine Zukunft bereite ich mich da vor? Wo geht die Reise hin, für mich und für diese Welt? Was macht das mit meinem Glauben? Und das sind Fragen, die sich, glaube ich, jede Generation immer wieder unter neuen Vorzeichen stellt.

Und wie spiegelt sich die Zeit in Ihrer Arbeit wider?
Es gibt einen gestiegenen Bedarf an Seelsorge. Die Einsamkeit der vergangenen Jahre wirkt nach. Die Lockdowns und der Fernunterricht waren für die Studierenden hart, gerade in dieser entscheidenden Phase des Lebens, in der Identitätsfragen durchgearbeitet, Lebensentwürfe erprobt werden und sich auch der Glaube weiterentwickelt – das geht alles nur in Gemeinschaft. Rauszugehen und Gemeinschaft zu suchen, müssen manche wieder oder überhaupt erst lernen. Viele Studierende fahren an den Wochenenden nach Hause, auch weil sie in der Pandemiezeit nie erfahren haben, dass Halle auch ein studentisches Leben am Wochenende hat.

Wie wird das Gemeindeleben organisiert?
Bei der Gestaltung bringen sich die Studierenden ein, setzen die thematischen Schwerpunkte selbst und organisieren die Andachten und Veranstaltungen größtenteils in Eigenregie. Ich unterstütze im Hintergrund, zum Beispiel bei der Akquise von Referentinnen und Referenten. In diesem Semester haben wir uns unter anderem mit Krieg und Frieden oder der Liebe in Zeiten von Tinder und Corona beschäftigt. Am vergangenen Mittwoch saßen wir mit zwei Bausoldaten zusammen, die über Waffendienstverweigerung und Zwangsarbeit in der DDR berichteten. Aktuell lesen und diskutieren wir „Kinder von Hoy“ von Grit Lemke, einem dokumentarischen Roman über die DDR-Musterstadt Hoyerswerda und ihren Umbruch in der Wendezeit. Die Grimmepreis-Nominierte Autorin ist am 20. Januar bei uns zu Gast für eine Lesung.

Gibt es langfristige Impulse, die Sie in der Gemeinde und der Stadt setzen wollen?
Erst einmal bin ich froh, dass der Standort Puschkinstraße erhalten bleibt. Zwischenzeitlich stand ein Umzug im Raum, doch wir können bleiben. Nun ist die Frage, wie wir unser Haus künftig gut bespielen wollen. Die Nähe zum Steintorcampus ist von Vorteil, zum Beispiel wenn die Studierenden zwischen ihren Vorlesungen gemeinsam kochen oder Tee trinken wollen. Da sind wir eine Mischung aus Wärmestube und geistlicher Heimat.

Mir liegt die Zusammenarbeit mit anderen sehr am Herzen: zunächst mit denen, die Studierende beraten und in der Nothilfe für ausländische Studierende engagiert sind. Was dieses gemeinsame Arbeitsfeld angeht, hat in der ESG aus unterschiedlichen Gründen vieles geruht; das wird sich ändern. Als „Pfarrer für Hochschul- und Studierendenseelsorge“, so meine offizielle Amtsbezeichnung, bin ich zudem nicht nur für die Studierenden da, sondern für alle Berufsgruppen und Angehörigen der Hochschulen in Halle und Merseburg.

Und nicht zuletzt: Jeder Gemeinde tut es gut, wenn sie sich einer Aufgabe annimmt, die über sie hinausweist. Wir sammeln an unseren Mittwochabenden Geld für das Frauenschutzhaus. In der Vergangenheit gab es eine gute Zusammenarbeit mit der Gefangenenseelsorge; hier bahnt sich gerade eine schöne neue Kooperation an. Eine Herausforderung wird auch sein, unsere zeitgemäße Aufgabe im Kiez zu finden. Ich denke, bei allem braucht es meist nicht viel, sondern das Richtige zur rechten Zeit. Gut vernetzt kommt das ganz von allein in den Blick und dann heißt es: anpacken. Es gibt viel zu tun.

Apropos viel zu tun: Wie sieht die Vorweihnachtszeit bei Ihnen aus?
Advent ist immer eine Hoch-Zeit, auch für unsere Gemeinde. Unseren letzten Gottesdienst in diesem Jahr feiern wir am Mittwoch, 21. Dezember, 18:30 Uhr, in der Laurentiuskirche miteinander. Dazu ist jede und jeder willkommen. Zwischen den Feiertagen heißt es dann für mich und meine Frau: Umzugskisten packen. Nach langer Suche haben wir eine Wohnung gefunden und ziehen von Magdeburg an die Saale.

Der Gemeindeabend der Evangelischen Studierendengemeinde findet jeweils mittwochs 18.30 Uhr in der Puschkinstraße 27 statt.

Die Gottesdienste werden sowohl in der Christuskirche als auch in der Laurentiuskirche gefeiert und auf der Webseite der Studierendengemeinde bekanntgegeben.

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