Ein Buch auf Reisen

22.06.2023 von Katrin Löwe in Varia, Schlussstück
Es sind 150 Seiten, die es in sich haben. „Briefe An Herrn Hofrath Heyne“ ist der Titel des kleinen Büchleins, das 1797 gedruckt wurde – auf dem ersten Höhepunkt stürmischer wissenschaftlicher Debatten darüber, ob denn der griechische Dichter Homer vor rund 2.800 Jahren tatsächlich der alleinige Verfasser der berühmten Epen „Ilias“ und „Odyssee“ gewesen sein kann. Aber nicht das allein macht das Buch ungewöhnlich: auch seine Reise durch die Hände bedeutender Altphilologen.
Die Titelseite des Buchs (links) und die Einträge auf den Seiten davor zeugen davon, durch wessen Hände es ging.
Die Titelseite des Buchs (links) und die Einträge auf den Seiten davor zeugen davon, durch wessen Hände es ging. (Foto: Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt / Gestaltung: Agentur Kappa)

Auf der einen Seite des akademischen Streits damals: kein Geringerer als der Begründer der klassischen Philologie Friedrich August Wolf (1759-1824).  Von 1783 bis 1806 lehrte er an der Uni Halle, mit seinem Hauptwerk „Prolegomena ad Homerum“ löste er in dieser Zeit die Forschung dazu aus, was heute als homerische Frage bezeichnet wird.

Der Streit um Homer wurde damals schnell sehr persönlich. Wolf sah sich genötigt, sich mit den in Buchform gedruckten Briefen zum Beispiel gegen Plagiatsvorwürfe zu wehren. Etwas Besonderes ist das kleine Buch aber nicht nur wegen seines Inhalts, sondern auch wegen ein paar auf den ersten Blick unscheinbarer Einträge auf dem Titelblatt und dem sogenannten Vorsatzblatt. Es sind wenige handschriftlich vermerkte Namen und Jahreszahlen – sie allerdings belegen eine ungewöhnliche Reise des Werks durch die Hände bedeutender Altphilologen ihrer Zeit. Aufgefallen ist das der Fachreferentin für Klassische Altertumswissenschaften Claudia Frank bei der Vorbereitung einer Präsentation zur Langen Nacht der Wissenschaften.

Johann Philipp Krebs hat den Band demnach offenbar vom Verfasser direkt nach dem Druck geschenkt bekommen. Er war Student bei Wolf, eines seiner eigenen Bücher ist bis heute ein wichtiges Nachschlagewerk zum klassischen Gebrauch des Lateinischen. Von Krebs aus gelangte das Buch in die Bibliothek des früheren halleschen Professors Theodor Bergk, der nach seiner Emeritierung nach Bonn übergesiedelt war, und nach dessen Tod an Johannes Kemke, der damals in Bonn studierte. Die Reise endete 139 Jahre nach dem Druck dort, wo sie begonnen hatte: in Halle. Seit 1936 war der Band im Besitz von Otto Kern, der bereits mehrere Jahrzehnte an der Uni Halle lehrte, dort zwischenzeitlich Rektor war und insbesondere zur griechischen Religion, aber auch auf dem Gebiet der Archäologie und Inschriftenkunde forschte.

Wie konkret das kleine Büchlein jeweils weitergegeben wurde, lässt sich nur durch persönliche Bekanntschaften der Beteiligten erahnen. Vieles wird wohl Hypothese bleiben – aber auch die von Wolf ausgelöste homerische Frage ist schließlich bis heute nicht endgültig beantwortet.

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