„Die Zeit ist das Problem“

02.12.2021 von Katrin Löwe in Wissenschaft, Campus
Welche Einschränkungen erlebt der wissenschaftliche Nachwuchs in der Corona-Pandemie, wo wäre Unterstützung nötig gewesen, wo gibt es sie? Der Gleichstellungsbeirat der Uni hat sich intensiv mit diesen Fragen befasst. Ein Gespräch mit Beiratsmitglied Prof. Dr. Rebecca Waldecker und Martina Langnickel, Leiterin der Stabsstelle Vielfalt und Chancengleichheit, über Erfahrungen und neue Angebote
Homeoffice mit Kindern hat den wissenschaftlichen Nachwuchs vor besondere Herausforderungen gestellt.
Homeoffice mit Kindern hat den wissenschaftlichen Nachwuchs vor besondere Herausforderungen gestellt. (Foto: Kzenon / stock.adobe.com)

Anlass für die Debatte um den wissenschaftlichen Nachwuchs war auch ein offener Brief der European Women in Mathematics. Frau Waldecker, wie erleben Sie als Mathematikerin die Situation von jungen Wissenschaftlerinnen?
Rebecca Waldecker: Ausgelöst wurde der Brief von einer Kollegin in Aachen, die erlebt hat, wie die Pandemie den wissenschaftlichen Nachwuchs beeinflusst hat. Hier erlebe ich das sehr unterschiedlich, weil die Lebensumstände unterschiedlich sind. Ich habe zum Beispiel in meinem direkten Umfeld wenig Leute mit Kindern. Aber wo Kinder da sind, ist die Geschichte sofort eine völlig andere. Wenn wir die wissenschaftlichen Leistungen von Menschen bewerten, die wir auf Dauerstellen im Mittelbau oder auf Professuren berufen wollen, haben wir nur ein recht enges Zeitfenster für ihre Beurteilung – normalerweise ab der Promotionszeit. Der Output, der da produziert wird, ist Grundlage unserer Entscheidung. Wie die Lebensumstände in dieser Zeit sind, beeinflusst massiv, wie produktiv man sein kann. Die Pandemie hat bei denen, wo sie sowieso  komplizierter waren, die Situation noch einmal deutlich schwieriger gemacht. Auf der anderen Seite gibt es aber auch diejenigen, die sagen: Ich war noch nie so produktiv wie während der Pandemie.

Rebecca Waldecker
Rebecca Waldecker (Foto: Michael Deutsch)

In einer Reaktion auf eine Umfrage, die der Gleichstellungsbeirat im April gestartet hat, ist genau davon die Rede – dem Aufholen der wissenschaftlichen Leistungen der kinderlosen Konkurrenz im Wettbewerb um Professuren.
Waldecker: Es ist ja auch unter Nicht-Pandemie-Bedingungen schon so, dass Kinderlose große Vorteile haben, vor allem, wenn auch sonst die Situation so ist, dass sie 60 bis 70 Stunden die Woche arbeiten können. Wenn die Lebensumstände anders sind, ist es fast egal, wie kreativ und fleißig man ansonsten ist: Es ist schwer auszugleichen, was einem an Arbeitszeit fehlt. Die Pandemie hat das verstärkt und die Betroffenen werden auf Jahre Wettbewerbsnachteile haben. Es gibt keine gute Strategie dafür, wie man das in Auswahlverfahren berücksichtigen kann. Auch ich habe da mehr Fragen als Antworten. Ich würde dazu ermutigen, die Nachteile durch die Pandemie in Bewerbungen anzusprechen. Viele scheuen sich aber davor. Sie sagen: Wenn ich es erwähne, klingt es vielleicht weinerlich und so, als sei ich nicht belastbar.

Martina Langnickel
Martina Langnickel (Foto: Markus Scholz)

Werden diese Erfahrungen auch insgesamt in den Antworten auf die Befragung gespiegelt?
Martina Langnickel: Alles, was an Rückmeldungen kommt, ist das, was Frau Waldecker auch sagt. Die Sorgen und Nöte und das akute „Ich kann jetzt gerade nicht mehr“. Dass Schüler zu Hause beschult und kleine Kinder betreut werden müssen, weil die Schulen und Kitas geschlossen sind, haben wir schon länger nicht mehr – das passiert jetzt eher punktuell bei Quarantäne. Wir schauen aber mit ganz großer Sorge darauf, wie es weitergeht. Begegnet uns das jetzt wieder und das zu einem Zeitpunkt, wo die Kraftreserven noch gar nicht aufgetankt sind? Viel hängt im Moment auch damit zusammen, dass sich der wissenschaftliche Nachwuchs nicht gehört fühlt. Es redet ja keiner mehr darüber. Die Schulen sind auf und damit ist alles gut. Das verstärkt die Nöte.

Sie haben rund 150 Reaktionen auf die Befragung bekommen. Was ist denn das drängendste Problem?
Langnickel: Das ist eine schwierige Frage. Wenn ich gezwungen wäre, ein Thema festzumachen, ist es die Kommunikation. Wir müssen im Gespräch bleiben. Am drängendsten ist das bei denen mit befristeten Verträgen, die mit  wirtschaftlichen Sorgen auf den gesamten Karriereweg gucken. Und das betrifft nicht nur diejenigen mit familiären Verpflichtungen, sondern auch die, die einfach nicht ins Labor konnten oder nicht in die Bibliothek kamen.

Waldecker: Die Zeit ist das Problem. Da würde ich gern „wünsch dir was“ spielen. Wenn ich mir etwas wünschen könnte, wäre es, dass insbesondere denen, die stark betroffen sind, pauschal ein Jahr extra geschenkt wird. Ich weiß, es gibt rechtliche und finanzielle Probleme, aber ich träume einfach mal: In dem Jahr sind sie von allen Verpflichtungen wie der Lehre befreit und können sich auf ihre Forschung konzentrieren. Sie schreiben zum Beispiel ihre Dissertation zu Ende, kommen in ihrer Habilitation voran, schreiben ein paar Publikationen fertig oder den nächsten Drittmittelantrag. Ein Jahr Zeit, denn Zeit ist das, was die Leute am meisten verloren haben.

Von den Träumen zurück zur Realität: Sie haben in Ihrem Bericht auch einen Katalog von Antworten auf die Umfrage entworfen. Was sind denn Dinge, die die Universität tun kann?
Langnickel: Wir können aufklären. Ganz viele Unterstützungsmöglichkeiten gibt es schon, vielleicht ist das nur nicht so bekannt. Wir machen sie also sichtbar. Und wir können gezielt Geld in die Hand nehmen und unterstützende Maßnahmen anbieten. Wir gehen zum Beispiel verstärkt ins Coaching/Mentoring, dort werden im nächsten Jahr verstärkt Angebote auf die Beine gestellt. Und wir schreiben Hilfskraftgelder aus, so dass wir in der Breite hoffentlich viele erreichen und ein wenig Entlastung anbieten können. Dafür haben wir glücklicherweise FEMPOWER-Gelder zur Verfügung, die noch nicht genutzt werden konnten und die wir jetzt umwidmen. Das ist befristet bis Ende 2022, aber besser als nichts. Was wir außerdem tun können ist, auch über den Kosmos der Universität hinaus im Gespräch zu bleiben.

Waldecker: Aber auch lokal. Als Vorgesetzte oder Vorgesetzter muss ich mitdenken, wenn in meinem Umfeld eine Person in eine Krise gerät. Wir sind in der Verpflichtung genau zu schauen: Wo können wir Hinweise geben, wo können wir selbst zur Entlastung beitragen und haben wir auf dem Schirm, wer noch kompetent weiterhelfen kann? Dann entsteht Hoffnung und es gibt eine individuelle Lösung, die zumindest ein bisschen weiterhilft.

Langnickel: Womit ich bei meinem „wünsch dir was“ wäre: Ich wünschte mir, dass das überall gelebte Kultur ist, eine Selbstverständlichkeit.

Waldecker: Wichtig ist uns auch ein Dankeschön an alle, die sich bei der Befragung oder in persönlichen Gesprächen geäußert haben, alle, die irgendwie dazu beigetragen haben, dass wir jetzt ein bisschen besser verstehen, wo der Schuh drückt.

Sie haben sich dabei ausdrücklich mit dem wissenschaftlichen Bereich befasst…
Langnickel: Richtig. Was wir nicht abgefragt haben, ist der wissenschaftsunterstützende Bereich – und das nicht, weil wir denken: „Denen geht es ja gut.“ Im Gegenteil, wir wissen, die Menschen dort sind genauso am Limit. Wir hatten das Unibarometer, die Abfrage zur psychischen Gesundheitsgefährdung des Betrieblichen Gesundheitsmanagements. Im Januar kommt die nächste Umfrage. Also: Auch das haben wir im Blick.

Bericht im Netz

Der Bericht zur Befragung zu coronabedingten Nachteilen an der Uni Halle inklusive einer Auflistung von Unterstützungsmöglichkeiten und Ansprechpartnern findet sich unter folgender Adresse: Nachwuchswissenschaft und Pandemie

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Kommentare

  • Wilfried Herget am 03.12.2021 10:48

    Vielen Dank für Ihr Engagement!

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