Sarah Bashir und das Circuit Lab: Videospielgeschichte greifbar machen

30.06.2026 von Philipp Schröder in Campus, Studium und Lehre
Als im April in München der Deutsche Computerspielpreis verliehen wurde, war auch Sarah Bashir Teil der 40-köpfigen Fachjury. Sie studiert seit 2018 an der MLU und steht kurz vor ihrem Masterabschluss in der Medien- und Kommunikationswissenschaft. Hier hat die 26-jährige Studentin 2024 auch das Circuit Lab – ein Labor für Videospiele und Retro-Computing – ins Leben gerufen.
Sarah Bashir im Circuit Lab der MLU, das sie ins Leben gerufen hat.
Sarah Bashir im Circuit Lab der MLU, das sie ins Leben gerufen hat. (Foto: Markus Scholz)

Der Raum 217 im Mitteldeutschen Medienzentrum (MMZ) wirkt im ersten Moment sehr unscheinbar, birgt jedoch große Schätze aus der Vergangenheit. Mitten in der Abteilung Medien- und Kommunikationswissenschaft findet sich ein Ort, an dem man in die Geschichte digitaler Spielwelten eintauchen kann. Im Circuit Lab reihen sich Konsolen, Bildschirme und Zubehör aneinander. Verschiedene iMac-Modelle stehen neben Klassikern wie dem Sega Mega Drive, einer Atari 7800 und einem Intellivision aus dem Jahr 1979. „Den Intellivision haben wir vom Computerspielemuseum in Berlin zur Verfügung gestellt bekommen“, sagt Sarah Bashir, die das Labor für Videospiele und Retro-Computing an der MLU 2024 am Lehrstuhl von Prof. Dr. Patrick Vonderau ins Leben gerufen hat. Das Circuit Lab an der MLU verfügt über eine wachsende Sammlung alter Geräte und ermöglicht es Studierenden und Mitarbeitenden der Medienwissenschaft, Spiele vergangener Jahrzehnte zu spielen und interaktiv zu verstehen. „Es ist ein Labor mit dem Schwerpunkt auf Videospielen und Retro-Computing. Die meisten Sachen wurden uns geschenkt oder ich habe sie im An- & Verkauf gefunden.“ 

Die Konsolen und Computer werden im Lab nicht nur vorgeführt und analysiert, sondern auch aufgeschraubt und neu zusammengesetzt. „Medienwissenschaftler*innen im Bereich Game Studies können selten direkt am Objekt arbeiten. Experimentelles Forschen am Gegenstand ist aber zentral, um Medien tatsächlich verstehen zu können. Im Circuit Lab ermöglichen wir es, sich mit Geräten, Techniken und Medien auseinanderzusetzen, welche Grundlage für die heutige Medienlandschaft sind“, so die Studentin. Außerdem geht Bashir regelmäßig in Seminare, um dort mit Lehrinputs in das junge Feld der Game Studies einzuführen, womit sie die Kolleg*innen der Abteilung unterstützt. Für sie sind Konsolen und Videospiele ein Kulturgut, welches bisher zu wenig erforscht wird. 

„Videospiele sind Teil unserer Geschichte. Jedoch verlieren wir immer schneller den Zugang zu alten Videospielen. Für 87 Prozent der vor 2010 in den USA erschienenen Videospiele gibt es keinen einfachen Zugang mehr und in Zeiten von digitalen Spielplattformen nimmt dieser Anteil noch zu“, so Bashir. Das Lab soll einen Beitrag zur Archivierung von Videospielen leisten und bei der Forschung in der Medienarchäologie helfen. 

Aus dem Circuit Lab entstand im Herbst 2025 auch eine Kooperation mit der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle. „Das Deutsche Computerspielmuseum hat uns einen Arcade-Automaten der japanischen Firma Namco zur Verfügung gestellt, auf welchem man den 1995 erschienenen Rennsimulator Rave Racer spielen kann. Der Videospielautomat war defekt, aber wir haben ihn wieder zum Laufen gebracht“, sagt Bashir. Aus der Instandsetzung des zweisitzigen Arcade-Automaten entstand eine weiterführende Kooperation zwischen der Medien- und Kommunikationswissenschaft der MLU und dem Studiengang Multimedia | VR-Design der Burg, bei welcher in gemeinsamen Seminaren an Videospielen und Konsolen geforscht werden soll. 

Die Idee für das Games Lab kam Bashir in New York. Dort hielt sie 2024 einen Vortrag beim „Orphan Film Symposium”, einer internationalen Fachkonferenz für Medienwissenschaftler, Archivare und Medienpraktiker. Unter dem Titel „Working Memory” berichtete sie über die Notwendigkeit der Archivierung und Bewahrung interaktiver Medien. Der Vortrag beschäftigte sich dabei konkret mit dem Spiel „LSD: Dream Emulator“, welches von dem japanischen Künstler Osamu Sato 1998 entwickelt und gestaltet wurde, jedoch heute so gut wie nicht mehr erhältlich und spielbar ist. Zur Vorbereitung des Vortrags versuchte Bashir daher, das Spiel durch Modding – das Erweitern oder Anpassen von Konsolen – und Emulatoren wieder spielbar zu machen. „Das Interesse am Spiel, unseren Ergebnissen sowie dem Restaurieren und Erhalten von Games war so groß, dass man eigentlich nicht anders konnte, als weiterzumachen. Hinzu kam, dass sich über die Zeit in meinem Büro so viele Geräte angesammelt hatten, mit allen möglichen Technik-Experimenten für Präsentationen, dass die Gründung des Labs fast unausweichlich war“, so Bashir. „Wir sind immer auf der Suche nach weiteren Kooperationen und Spenden, um das Lab für noch mehr Forschung auszubauen.“ 

Und so wurde die „Stiftung Digitale Spielekultur“ auf Sarah Bashir aufmerksam und berief sie bereits im vergangenen Jahr in die Fachjury des „Deutschen Computerspielpreises”. Der Wettbewerb der Bundesregierung ehrt seit 2009 in 15 Kategorien die Entwicklungen der deutschen Computerspielindustrie. Im vergangenen Jahr war Bashir Mitglied der Hauptjury sowie der Jury der Kategorie „Beste Story”. „Das war sehr interessant, denn die Einreichungen waren spannend und Storytelling ist ein Aspekt, der mir persönlich sehr wichtig ist. Am interessantesten finde ich es, wenn Spiele Gameplay und Story besonders gut mischen“, sagt Bashir. In diesem Jahr wurde sie in die Jury der Kategorie „Bestes Studio“ und in die Hauptjury berufen. Sie wünscht sich, dass der Deutsche Computerspielpreis die öffentliche Aufmerksamkeit für das Thema Stück für Stück erhöht und die Computerspielindustrie nachhaltig gefördert wird.

Das Interesse an Sarah Bashir und ihrer Forschung ist bereits jetzt sehr groß. So moderierte sie kürzlich ein Panel und die Preisverleihung auf dem „A MAZE Festival“ und war als Speakerin bei der „Re:Publica“ eingeladen. Auf die Frage, welche Pläne sie nach ihrem Masterabschluss hat, sagt Bashir: „Ich möchte weiter in der Forschung bleiben.“ Zwei Paper im Bereich der Game Studies hat sie bereits während des Studiums selbstständig veröffentlicht. Nach ihrem Masterabschluss an der MLU will sie zunächst für eine Promotion ins Ausland gehen. Ihr großer Traum ist es, Professorin zu werden. 

Weitere Informationen

Die Website des Circuit Lab: https://circuitlab.medienkomm.uni-halle.de
Informationen zum Rave Racer Projekt: https://racerprojekt.de

Paper: 
Bashir, S. (2025). „Participation in a Virtual Fandom: Spatiality and Sociality in League of Legends." In: Fandom | Cultures | Research, Jg. 2 (2025), Nr. 1, S. 47-62. Doi: https://doi.org/10.25969/mediarep/23951
Bashir, S. (2024).„Für den Computer existiert der Wald nicht: Narrative Potenziale von Videospiel-Genres.” In: montage av 33 (1), 2024, pp.117-138. 

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