Politik erklären: „Ich sehe uns in der Verantwortung“

11.09.2026 von Katrin Löwe in Wissenstransfer, Wissenschaft
Sachsen-Anhalt hat einen neuen Landtag gewählt. Vor allem Politikwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler der MLU haben in unzähligen Gesprächen mit den Medien das Geschehen vor und nach der Wahl erklärt und analysiert. Über diese Art von Wissenstransfer sprach Prof. Dr. Petra Dobner, bis September geschäftsführende Direktorin des Instituts für Politikwissenschaft, im Interview.
Der Politikwissenschaftler Marcel Lewandowsky, auf dem Bildschirm im Interview beim MDR zu sehen, ordnet das politische Geschehen ein.
Der Politikwissenschaftler Marcel Lewandowsky, auf dem Bildschirm im Interview beim MDR zu sehen, ordnet das politische Geschehen ein. (Foto: Maximilian Kümmerling)

Frau Dobner, wie viele Interviewtermine stehen zurzeit für Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen an?
Petra Dobner: Ich habe gar keinen Überblick über alle. Ich selbst habe heute noch einen Termin mit dem bulgarischen Rundfunk und morgen mit einer dänischen Tageszeitung. Bei meinen Kollegen ist aber vermutlich viel mehr angefallen, zum Beispiel bei Marcel Lewandowsky und seinem Team wegen der einschlägigen Professur zur Regierungslehre oder Andreas Petrik, weil die möglichen Folgen für Schulen natürlich auch ein zentraler Fokus in der Diskussion sind. 

Petra Dobner
Petra Dobner (Foto: Anna Kolata)

Die MLU bietet Redaktionen seit vielen Jahren einen Expertendienst an. Zum Jahresbeginn hat die Zentrale Kommunikation zudem eine Liste von Expertinnen und Experten des Instituts für Politikwissenschaft verschickt, die für Anfragen zur Landtagswahl zur Verfügung stehen. Was war Ihre Intention und haben Sie damals schon erwartet, was auf Sie zukommt?
Mit dem Interesse haben wir schon gerechnet. Es ist traditionell so, dass wir als Institut für Politikwissenschaft im Land bei landespolitischen Aspekten gefragt sind – jetzt natürlich ganz besonders, weil die Weltöffentlichkeit auf dieses erschütternde Ergebnis schaut und gerne Erklärungen hätte. Rund um den Wahltag hat sich die Medienarbeit noch einmal sehr verdichtet. Aber, das ist auch mehr als in Ordnung so: Wir sind öffentlich finanziert und haben einen öffentlichen Auftrag. Ich sehe uns in der Verantwortung, das, was wir wissenschaftlich einordnen können, auch zu sagen. 

Es haben sich auch Forschende aus weiteren Instituten und Fakultäten der MLU in der Wissenschaftskommunikation zur Landtagswahl engagiert. Aber: Mehr als 230 Medientreffer gibt es im Pressespiegel der Uni seit Jahresbeginn allein für Texte, Audio- und Videobeiträge, in denen Expertinnen und Experten Ihres Instituts zu Wort kommen. Eine Menge Arbeit ...
Ja, und man muss sich klar machen, dass das alles neben dem normalen Business läuft. Der Aufwand liegt auch weniger in der eigentlichen Redezeit, sondern in der gedanklichen Vorbereitung. Dazu kommen immer wieder Koordinationsfragen: Trifft man sich direkt oder online, telefoniert man? Wann? Da kann man zwischendurch auch mal den Überblick verlieren.

Welche Medien haben neben ARD, ZDF oder MDR angefragt? 
Vor allem waren es viele öffentlich-rechtliche Medien aus dem In- und Ausland, aber auch viele Tages- und Wochenzeitungen. Ich selbst hatte zum Beispiel vorgestern noch einen Dreh mit dem belgischen Fernsehen und ein Gespräch mit einem niederländischen Rundfunksender. Jan Niklas Reiche, meine studentische Hilfskraft, hatte Anfragen aus Tschechien und Frankreich. Zudem gibt es natürlich aber auch noch Anfragen zu einschlägigen Veranstaltungen – von Universitäten, Volkshochschulen, Verbänden, Schulen… das kommt noch obendrauf. Das Spektrum war insgesamt schon recht breit. 

Auch Prof. Dr. Rieke Trimcev, Prof. Dr Johannes Varwick, Dr. Michael Kolkmann, Dr. Kerstin Völkl oder Dr. Julia Rakers haben Interviews gegeben – und das werden nicht alle sein.
Wir waren wirklich in ganzer Breite aktiv und das ist eine tolle Leistung des gesamten Instituts! Was außerdem wirklich klasse war: Professor Dirk Hanschel aus dem Juristischen Bereich und ich haben seit Jahren ein gemeinsames Forschungskolloquium, das wir in diesem Semester der Frage gewidmet haben, ob der Föderalismus eigentlich ein Bollwerk gegen oder ein Einfallstor für Rechtsextremismus ist. Die Texte dazu sind im Verfassungsblog erschienen. Da haben wir quer durch alle Statusgruppen und Lehrstühle geschrieben, diskutiert, wieder geschrieben und letztlich veröffentlicht – übrigens war da auch unser Altkanzler Markus Leber dabei… Der Prozess war wirklich toll: konstruktive Kritik auf Augenhöhe, völlig uneigennützig, statusunabhängig und mit einem präsentablen Ergebnis – auch ein schönes Beispiel dafür, wie Uni sein kann. Auch darüber kamen dann Medienanfragen zu uns.

Gab es inhaltliche Schwerpunkte bei den Fragen?
Zum einen ging es natürlich um die Erklärung des Ergebnisses. Eine oft gestellte Frage war: Wie kann es sein, dass Wählerinnen und Wähler die Warnungen nicht gehört haben? Was hat das alles mit Ost und West zu tun? Natürlich waren auch die Regierungsbildung und die Umsetzungschancen des AfD-Programms Thema. Wir wurden aber auch zum Beispiel nach unserer Einschätzung einer russischen Einflussnahme gefragt. Und schon im Vorfeld gab es auch oft die Frage, was das für die Uni beziehungsweise die Wissenschaftsfreiheit oder andere thematische Felder – etwa die Klima-, Energie- oder Bildungspolitik – bedeutet. Solche thematischen Fragen haben wir dann auch untereinander aufgeteilt.

Haben Sie Erwartungen zum Medieninteresse in den kommenden Wochen und Monaten?
Im Moment sind wir in einer Phase zwischen Wahl und Regierungsbildung, aber auch diese komplizierte Lage lässt die Anfragen derzeit nicht abreißen. Noch mehr wird es aber sicherlich wieder werden, wenn es tatsächlich zur Regierungsbildung kommt. Und wenn die AfD an die Macht kommen sollte, ist auch damit zu rechnen, dass wir bei jedem Schritt, den sie künftig geht, um eine Einordnung gebeten werden – aber, nochmal, ich sehe das als Teil unserer öffentlichen Verantwortung.

Schlagwörter

Kommentar schreiben

Auf unserer Webseite werden Cookies gemäß unserer Datenschutzerklärung verwendet. Wenn Sie weiter auf diesen Seiten surfen, erklären Sie sich damit einverstanden. Einverstanden