Sticken für Goethe

22.09.2022 von Katrin Löwe in Varia, Schlussstück
Wie kommt eine Literaturwissenschaftlerin zum Sticken und Stricken? Nun, im Falle von Dr. Christiane Holm über keinen geringeren als Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832). Man mag sich verwundert die Augen reiben, aber der Altmeister der Dichtkunst besaß neben vielen anderen auch eine Handarbeitssammlung!
Eine Abbildung aus dem „Journal des Luxus und der Moden“ 1806 – eine junge Frau am Spinnrad. Handarbeit erlebte damals einen Boom.
Eine Abbildung aus dem „Journal des Luxus und der Moden“ 1806 – eine junge Frau am Spinnrad. Handarbeit erlebte damals einen Boom. (Foto: Universitäts- und Landesbibliothek Jena)

Literatur werde oft als etwas Geistiges, Immaterielles angesehen, sagt Holm. Entscheidend seien aus ihrer Sicht aber auch die sinnlichen und materiellen Rahmenbedingungen, unter denen sie entsteht: Welches Papier wird benutzt, kleckst die Feder? Im Rahmen eines Forschungsprojektes an der Klassik Stiftung Weimar stieß sie darauf, dass Goethe Handschriften von Schiller und Kant im selben Sammlungsschrank mit anonymen Handarbeiten verwahrte. Wie viele Arbeiten es einst in seiner Kollektion gab, ist nicht ganz klar, 100 vielleicht, wahrscheinlich sogar mehr, sagt Holm. Erhalten haben sich viele, vom kleinen bestickten Portemonnaie und kunstvollen Schatullen über bestickte Hosenträger bis hin zu Raumtextilien wie einer Bespannung für ein Lesepult oder dem Tischkissen, auf dem sich Goethe als alter Mann aufgestützt hat.

Viel bekannt sei über die Sammlung nicht, so Holm – greifbar sei sie vor allem anhand der Inventarlisten aus seinem Weimarer Haus am Frauenplan, in dem der Dichter fast 50 Jahre lebte. Ein Glücksfall. „Weil es Goethe war, ist eben auch die kleinste Kleinigkeit festgehalten worden.“ Dokumentiert sei vor allem sein literarisches Interesse an Textilien in eindrücklichen Handarbeits-Szenen und vielen Gewebe-Metaphern.  

Den Grund dafür liefert wohl der Zeitgeist: In der Romantik boomte die Handarbeit, schlug sich zunehmend in Literatur und Bildern nieder. Sie wurde von der Pflicht zur Passion, das Ergebnis wurde weniger über den Gebrauchs-, sondern über den Kunstwert wahrgenommen. Im viel gelesenen „Journal des Luxus und der Moden“ konnte man elegante Spinnräder für den Salon bestellen. Noch während der Aufklärung war Handarbeit ein Disziplinierungsinstrument. Frauen wurden „beschäftigt“, um nicht zu viele Romane zu lesen und auf „dumme Gedanken“ zu kommen. Glaubte man. Erst in der Romantik, so Holm, setzte die Erkenntnis ein: Das stille Werkeln tut genau das Gegenteil, es setzt Fantasien frei. Handarbeit wurde poesiefähig.

Goethe übrigens dürfte einen großen Teil seiner Sammlung geschenkt bekommen haben – die bereits erwähnten Hosenträger etwa haben seine Briefpartnerinnen bestickt. Die Autorin Bettina von Arnim will ihm zudem einst ein selbstgenähtes „Röckelein“ geschickt haben – eine Reaktion auf eine Wette im Weimarer literarischen Salon, dass sie keine Nadel zu führen wisse.

 

Christiane Holm (Hg.): Handarbeit. Handliche Bibliothek der Romantik, Band 5, Zürich 2020, 208 Seiten, 24 Euro, ISBN: 978-3966390040

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Germanistik

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