Erste Hilfe bei psychischen Krisen: „Wissen, wie man unterstützen kann“

15.07.2026 von Susann Trapp in Campus
Mit dem Programm Mental Health First Aid (MHFA) qualifiziert die MLU Mitarbeitende, Warnsignale psychischer Krisen besser zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren. Diplom-Psychologin Anke Märker ist MHFA-Instruktorin und bildet die Mitarbeitenden als Ersthelfende aus. Im Interview erklärt sie, was psychische Erste Hilfe leisten kann.
Anke Märker - hier auf dem Universitätsplatz - kann selbst Ersthelfende ausbilden.
Anke Märker - hier auf dem Universitätsplatz - kann selbst Ersthelfende ausbilden. (Foto: Markus Scholz)

Der Begriff „Erste Hilfe“ ist vielen aus dem körperlichen Bereich vertraut – wie lässt sich dieses Prinzip auf psychische Gesundheit übertragen?
Anke Märker: Wenn man einen Führerschein machen will, muss man einen Erste-Hilfe-Kurs machen, etwa für den Fall eines Unfalls. Psychische Belastungen und Erkrankungen spielen gesellschaftlich eine immer größere Rolle. Auch psychische Gesundheit kann Erste Hilfe erforderlich machen. Dabei geht es nicht darum, Professionalität zu ersetzen. Ersthelferinnen und -helfer bleiben Laien, analog zur körperlichen Ersten Hilfe: Ich weiß im Idealfall, wie ich eine stabile Seitenlage hinkriege, aber ich kann keine Herz-OP machen.

Warum ist das Angebot der psychischen Ersten Hilfe auch im Hochschulkontext wichtig?
Die Universität ist ein Spiegel der Gesellschaft. Wir haben hier so wie überall auch psychische Erkrankungen und es werden immer mehr diagnostiziert. Studierende zum Beispiel sind in einer sensiblen Phase, in der viele psychische Erkrankungen erstmals auftreten. Es gibt viele Menschen an der MLU, die die ganze Zeit schon mentale Erste Hilfe leisten, ob in ihren Rollen als Führungskräfte, Beratungspersonen, Interessenvertretungen, Prüfungsämter. Das Angebot hilft, dass sie sich ein bisschen sicherer und kompetenter fühlen. Das Ziel ist zu wissen, wie man unterstützen kann.

Im vergangenen Jahr wurde das Programm „MHFA“ an der MLU erstmals als Pilotprojekt durchgeführt. Wie ist es dazu gekommen?
Judith Portius vom Betrieblichen Gesundheitsmanagement ist auf das Programm aufmerksam geworden und hat sich dafür eingesetzt, es auch hier an der MLU einzuführen. Um unsere Mitarbeitenden intern ausbilden zu können, habe ich mich als Instruktorin zertifizieren lassen. Im Pilotprojekt haben dann zuerst Personen, die häufig Kontakt mit möglichen Betroffenen haben oder oft in belastenden Situationen sind, dieses Weiterbildungsangebot bekommen. Nach den positiven Rückmeldungen wurde der Kurs in diesem Jahr für alle Mitarbeitenden geöffnet. Ich bin gespannt, inwiefern sie dieses Angebot annehmen und ob es sich auch langfristig etabliert.

Welche Kompetenzen nehmen Teilnehmende aus dem Kurs mit?
In erster Linie wird Wissen zu psychischen Gesundheitsproblemen vermittelt – unter anderem zu Depression, Angst, Sucht und Psychose. Das soll die Teilnehmenden dazu befähigen, sich besser in ihr Gegenüber hineinversetzen zu können. Also zu wissen: Was gibt es da, was widerfährt den Menschen in solchen Situationen?  Sie lernen, Warnsignale psychischer Krisen zu erkennen und darauf reagieren zu können. 

Wie sähe eine Intervention beispielsweise bei einer Panikattacke aus?
Gerade bei Panikattacken ist es wahrscheinlich, dass diese Person schon mal eine Panikattacke hatte. Man kann fragen, ob die Person den Eindruck hat, dass es eine sein könnte. Im Wesentlichen geht es darum, der Person beizustehen, ansprechbar zu sein. Was ich besser nicht machen sollte, wäre zum Beispiel, ungefragt den oder die Betroffene anzufassen, weil ich es gut meine. Im Kurs lernt man auch, in welchen Fällen man einen Rettungsdienst ruft, wie lange eine solche Situation typischerweise dauern kann und wie man mit der eigenen Anspannung umgeht.

Die Teilnehmenden werden „Ersthelfer*in für psychische Gesundheit“. Was bedeutet diese Rolle im Arbeitsalltag – und was ausdrücklich nicht?
Die Ersthelferinnen und -helfer können beruflich und auch privat von dem Wissen profitieren, es sind aber keine Erwartungen daran geknüpft. Wie sie ihre Rolle leben, entscheidet jede und jeder MHFA-Ersthelfende für sich selbst. Der Wunsch ist, dass die Kompetenzen da sind und dass sie sich sicherer fühlen in dem, was sie sowieso die ganze Zeit getan haben. Dass sie vielleicht auch intervenieren, wo sie es früher noch nicht gemacht hätten, weil sie Warnsignale eher erkennen. Das erlernte Wissen ist jedoch niemals dafür gedacht, Diagnosen stellen zu können. 

Wie gelingt es, eine Balance zwischen Unterstützung und den eigenen Grenzen zu finden?
Das ist gar nicht so einfach und abhängig von jeder einzelnen Person. Es ist wichtig zu erkennen, wo die eigene Grenze liegt: Was kann und was will ich leisten? Ich bleibe als MHFA weiterhin Laie – daher ist es verantwortungsbewusst, sowohl mir selbst als auch gegenüber den betroffenen Personen Grenzen zu ziehen. An die mentale Erste Hilfe soll sich kein Beratungsprozess anschließen. Im günstigsten Fall ermutigen die Ersthelfenden also die Betroffenen frühzeitig zu einer professionellen Behandlung, was die Prognose für die Betroffenen verbessert. Wie bei körperlicher Erster Hilfe geht es darum, die erste Unterstützung zu leisten und dann, je nach Situation, an professionelle Hilfe weiterzuvermitteln.

Welche Unterstützungsmöglichkeiten gibt es für Ersthelfende? 
Es ist ein freiwilliges Netzwerk für die mittlerweile etwa 60 Mental-Health-Ersthelfenden an der Uni im Aufbau. Die Idee im Moment ist, zweimal im Jahr Treffen anzubieten. Dort können die Helferinnen und Helfer ihr Wissen frisch halten, üben und anonymisiert schwierige Situationen besprechen. Darüber hinaus stehen bei Bedarf sowohl ich für Fallberatungen als auch Judith Portius für Koordination von Themen und Terminen zur Verfügung. Man wird nicht allein gelassen, denn das Gelernte praktisch umzusetzen ist nochmal eine ganz andere Herausforderung.

Was sollten Interessierte wissen, bevor sie sich für die Weiterbildung zum MHFA anmelden?
Interessierte können sich bei mir oder Judith Portius melden. Wichtig ist außerdem: Eine eigene psychische Erkrankung ist kein Ausschlussgrund für die Teilnahme. Im Kurs schauen wir dann gemeinsam, was guttut und was nicht.

Welche Rolle kann Mental Health First Aid langfristig für die Kultur im Umgang mit psychischer Gesundheit an der Universität spielen?
Ein Wunsch wäre natürlich, dass psychische Erkrankungen dadurch enttabuisiert und entstigmatisiert werden – dass wir sie perspektivisch genauso selbstverständlich betrachten wie körperliche Erkrankungen. Ich kann ein gebrochenes Bein haben und ich kann eine Depression haben und für beides gibt es Hilfe. Diesen Gedanken finde ich wichtig: Es gibt Unterstützung, Intervention, Behandlung. Wünschenswert wäre auch, dass Menschen mit psychischen Gesundheitsproblemen frühzeitiger in Behandlung kommen. Dann muss allerdings auch das Versorgungssystem mitspielen, damit es genügend Behandlungsplätze gibt.


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Auch 2027 werden wieder MHFA-Weiterbildungskurse angeboten. Weitere Informationen zum Programm „MHFA“ finden Sie unter: https://blogs.urz.uni-halle.de/gesundheitsmanagement/2026/01/mental-health-first-aid-psychische-gesundheit-an-der-mlu-staerken/

Zur Person

Anke Märker ist Diplom-Psychologin und leitet seit 2013 die Sozial- und Konfliktberatungsstelle der MLU in der Barfüßerstraße 17. Zu ihren Arbeitsschwerpunkten gehören Beratung, Konfliktmanagement und Unterstützung bei beruflichen, persönlichen und gesundheitlichen Herausforderungen. Seit 2025 ist sie zudem zertifizierte Instruktorin für MHFA-Kurse.

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