Engagierter Akademiker und Gestalter: Zum Tod des Sprechwissenschaftlers Baldur Neuber

17.08.2026 von Prof. Dr. Ursula Hirschfeld, Prof. Dr. Susanne Voigt-Zimmermann in Personalia
Er war mehr als 35 Jahre in Forschung und Lehre tätig und hatte unter anderem maßgeblichen Anteil an der Gestaltung des Instituts für Musik, Medien- und Sprechwissenschaften an der MLU. Am 3. August ist der Sprechwissenschaftler Prof. Dr. Baldur Neuber nach langer schwerer Krankheit im Alter von 63 Jahren verstorben. Ein Nachruf von Ursula Hirschfeld und Susanne Voigt-Zimmermann
Baldur Neuber
Baldur Neuber (Foto: privat)

Die Kollegen und Kolleginnen der Abteilung Sprechwissenschaft und Phonetik der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) trauern um Prof. Dr. Baldur Neuber, der seit 2002 als Hochschullehrer, Gastprofessor und später außerplanmäßiger Professor an der MLU tätig war.

Nach dem Diplom-Studium der Sprechwissenschaft und Germanistik von 1984 bis 1988 an der MLU war Baldur Neuber bis 1992 Wissenschaftlicher Assistent im Bereich Fremdsprachen an der Philosophischen Fakultät  der Technischen Universität Chemnitz und von 1993 bis 1997 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Germanistische Sprachwissenschaft der Technischen Universität Chemnitz. 1994 erfolgte die Promotion zum Dr. phil. an der MLU zur „Sprechwissenschaft und Sprecherziehung in der Lehrerbildung der ehemaligen DDR“. 

Von 1997 bis 2006 war er Wissenschaftlicher Assistent, später Oberassistent, am Institut für Germanistische Sprachwissenschaft der Friedrich-Schiller-Universität Jena, wo er sich 2001 zum Thema „Prosodie und deren Bedeutung für die mündliche Kommunikation“ habilitierte. 

Ab 2002 übernahm er eine Gastprofessur und nachfolgend professorale Lehrtätigkeiten am Institut für Sprechwissenschaft und Phonetik der MLU. Ab April 2006 war er hier unbefristet als Hochschullehrer und ab 2008 als Professor in den Bereichen Rhetorik und Sprechkunst tätig. 

Mehrmals war er alternierend Geschäftsführender Direktor des Seminars für Sprechwissenschaft und Phonetik und hat in dieser Funktion großen Einsatz für die Weiterentwicklung seines Faches und die Förderung der Wissenschaft an der Philosophischen Fakultät II und darüber hinaus gezeigt. So muss vor allem seine maßgebliche Mitgestaltung des 2016 neu gegründeten Institutes für Musik, Medien- und Sprechwissenschaft hervorgehoben und sein fachübergreifender Weitblick gewürdigt werden. 

Viele Jahre hat er sich zudem in verschiedenen Gremien der PF II, wie dem Fakultätsrat und im Promotionsausschuss, engagiert und war darüber hinaus an der MLU etwa als Senatsberichterstatter aktiv. Seine Verbundenheit zum Fach und zur sprechwissenschaftlichen Gemeinschaft spiegelte sich auch in seiner aktiven Mitgliedschaft in verschiedenen wissenschaftlichen Verbänden wider, etwa der Deutschen Gesellschaft für Sprechwissenschaft und Sprecherziehung und dem Mitteldeutschen Verband für Sprechwissenschaft und Sprecherziehung.

Baldur Neuber war wissenschaftlich sehr breit aufgestellt und hat zu einer Vielzahl von empirischen Phänomenen, theoretischen Problemen und methodischen Fragestellungen in allen Teildisziplinen der Sprechwissenschaft im universitären und teilweise auch privatwirtschaftlichen Bereich gearbeitet. Er hat mehr als 80 Fachpublikationen zu Themen der Rhetorik, der Experimentalphonetik, der Prosodieforschung, der Sprechwirkungsforschung, der Sprechkunst sowie der Andragogik und Didaktik der Sprechwissenschaft verfasst. Neben seinen grundlegenden experimentalphonetischen Arbeiten war seine Forschung stark anwendungsbezogen auf den Transfer ausgelegt. Maßgeblich war auch seine Mitherausgeberschaft an der 2016 erschienenen „Einführung in die Sprechwissenschaft. Phonetik, Rhetorik, Sprechkunst“.

Als akademischer Lehrer war es ihm stets ein wichtiges Anliegen, Studierende und den wissenschaftlichen Nachwuchs für das Fach und darüber hinaus mit einem interdisziplinär ausgerichteten Blick zu begeistern und zu fördern. Zahlreiche Promovierende wurden von ihm auf ihrem Weg begleitet und nachhaltig geprägt. 

Baldur Neuber hat mit dieser Haltung und Denkweise zahlreiche innovative Projekte initiiert und geleitet. Seine Forschung befasste sich dabei in den letzten Jahren zunehmend mit der zwischenmenschlichen Sprechkommunikation im Kontext der Digitalisierung. Hervorzuheben ist hier seine langjährige transdisziplinäre Forschung im Kontext der Telekommunikation, insbesondere der Kundenkommunikation. „Immer, wenn sensible, individuelle, emotionale und personenspezifische Themen besprochen werden, sind sprechwissenschaftliche Analysen und Didaktisierungen gefragt“, so sein Blick und Anspruch in diesem Forschungsfeld. Er monierte in diesem Zusammenhang vor allem, dass sich „gegenwärtig auf technische Lösungen bzw. Kommunikationsangebote konzentriert“ wird und … „die Rolle des Menschen und insbesondere die der interpersonellen Kommunikation in den Hintergrund“ gerät. Bei der Analyse orientierte er sich stets an anerkannten wissenschaftlichen Methoden und Prinzipien, um valide und nachvollziehbare Ergebnisse zu erzielen. Sein Ziel war immer, praxisrelevante Erkenntnisse mit wissenschaftlicher Fundierung zu verbinden.

Nicht unerwähnt bleiben soll seine langjährige enge fachliche und kollegiale Zusammenarbeit mit dem Phonetischen Zentrum der Universität Woronesh. 

Seine schwere Erkrankung hat Baldur Neuber mitten aus seinem aktiven wissenschaftlichen Leben gerissen. Sein Tod hinterlässt eine schmerzhafte Lücke in der Sprechwissenschaft und insbesondere in unserer Abteilung. 

Wir werden Baldur Neuber nicht nur wegen seiner fachlichen Expertise vermissen, sondern auch wegen seiner Freundlichkeit, seiner Kollegialität, großen Hilfsbereitschaft und Freizügigkeit. Alle, die ihn kannten, trauern um einen wunderbaren, zugewandten und liebenswerten Menschen. Unser tiefes Mitgefühl gilt seiner Familie. 

Für das Kollegium und die Studierenden der Sprechwissenschaft:
Prof. Dr. Ines Bose                
Jun.-Prof. Dr. Clara Luise Finke         
Prof. Dr. Sven Grawunder                        
Prof. Dr. Susanne Voigt-Zimmermann   
Prof. (i. R.) Dr. Dr. h. c. Ursula Hirschfeld
Prof. (i. R.) Dr. Eberhard Stock

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Prof. Dr. Ursula Hirschfeld hatte von 1999 an die Professur für Sprechwissenschaft mit dem Schwerpunkt Phonetik an der MLU inne und war alternierend mit Baldur Neuber Leiterin des Seminars für Sprechwissenschaft und Phonetik. Sie ist 2018 in den Ruhestand getreten. Prof. Dr. Susanne Voigt-Zimmermann hat seit 2017 die Professur für Sprechwissenschaft an der Universität inne. Von 2018 bis 2022 war sie Sprecherin der Abteilung Sprechwissenschaft und Phonetik und 2020 bis 2022 Geschäftsführende Direktorin des Instituts für Musik, Medien- und Sprechwissenschaften (IMMS). Seit September 2022 ist sie Dekanin der Philosophischen Fakultät II.

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