Statistik und Musik: Was Zahlen verraten

03.06.2026 von Katrin Löwe in Studium und Lehre
Welche Erkenntnisse kann Statistik für die Musikwissenschaft bieten? Und wie können Studierende an das Thema herangeführt werden? Antworten auf diese Fragen gibt PD Dr. Natalia Nowack im Interview mit „campus halensis“. Gemeinsam mit Prof. Dr. Wolfgang Auhagen, MLU-Professor im Ruhestand, hat sie das Lehrbuch „Statistik in der Musikforschung“ herausgegeben – und damit eine lange bestehende Lücke gefüllt.
Musikstatistik wertet unter anderem Tonhöhen und die Struktur von Musikstücken aus.
Musikstatistik wertet unter anderem Tonhöhen und die Struktur von Musikstücken aus. (Foto: pixabay / Stevepb)

Musik und Statistik: Das eine ist sehr emotional, ästhetisch, das andere sehr rational. Wie passt das zusammen? 
Natalia Nowack: Das passt sogar sehr gut, Emotion hin oder her. Auch in der Musikforschung entstehen große Datenmengen, künstliche Intelligenz ist wie überall nicht mehr wegzudenken. Mit diesen Daten arbeitet man – ob direkt im Bereich der Musik oder in der Musikindustriestatistik. In Letzterer geht es um Verkaufszahlen oder Hörgewohnheiten, wofür es aber keiner expliziten musikstatistischen Ausbildung bedarf. Unsere Idee ist zu erklären, wie statistische Methoden für die Musikforschung selbst nutzbar gemacht werden.

Natalia Nowack
Natalia Nowack (Foto: Martin Nowack)

Und an wen richtet sich Ihr Buch konkret?
Wir adressieren unser Buch an Menschen, die sich mit drei ganz konkreten Bereichen beschäftigen. Einer ist die computergestützte Werkanalyse und die Interpretationsanalyse. Dabei wird eine große Menge an Eigenschaften musikalischer Werke oder Darbietungen technisch erfasst und ausgewertet: Gibt es spezielle Stilprinzipien, bevorzugte Taktgrößen oder Intervallstrukturen einer bestimmten Musikart? Halten sich Komponisten oder Interpreten an bestimmte Konventionen? Das sind Fragen in diesem Zusammenhang. Der zweite Bereich ist die Musikpsychologie, also die statistische Auswertung von musikpsychologischen Experimenten etwa zu akustischen Täuschungen. Und drittens geht es um die soziologische Analyse, bei der man zum Beispiel wissen möchte, ob musikalische Vorlieben der Eltern einen Einfluss auf Wahrnehmungen ihrer Kinder haben oder ob Personengruppen, die Erfahrungen im Spielen eines Musikinstruments haben, bestimmte Dinge anders wahrnehmen.

Seit wann ist Musikstatistik ein Thema in der Wissenschaft?
Das erste Buch, das den Begriff im Titel trägt, wird bald 90 Jahre alt. Der Autor Leo Wilzin war ein Wiener Gesellschaftswissenschaftler, dessen Dissertation 1937 erst einmal unbeachtet blieb. Leo Wilzin hatte erkannt, dass man sowohl Musikwerke statistisch analysieren kann als auch die Musikinstitutionen wie Kirchen und Theater und die Menschen, also Musikschüler, Lehrer, Musiker. Er hat ein Konzept vorgelegt, das durchaus bis heute tauglich ist. Der größte Unterschied ist, dass wir inzwischen für das, was ihm damals schon als Werksanalyse vorschwebte, Computertechnik nutzen. 

Wann ist die Musikstatistik aus der Vergessenheit geholt worden?
Als Hilfswissenschaft wurde Statistik in unserem Fach durchaus verwendet, der Einsatz statistischer Verfahren in der Musikforschung steigt stetig. Aber es wurde wenig darüber geschrieben und Bücher, die mit dem Wort Statistik überschrieben waren, meinten jedes Mal etwas anderes. Zudem: Es gab kein allgemeines Lehrbuch zur Musikstatistik. Das war eine Lücke, die wir schon lange schließen wollten, weil uns irritiert hat, wenn Studierende zum Beispiel mit Statistiken über Fleisch- und Gemüseverkäufe arbeiten mussten. Unterrichtet wird Musikstatistik seit Jahrzehnten an Universitäten, die systematische Musikwissenschaft und systematische Musikpädagogik anbieten. Fast überall bringen die Lehrenden die Kenntnisse dazu aber aus anderen Wissenschaftsbereichen mit. Bei Wolfgang Auhagen war es die Psychologie, ich selbst habe neben Musikwissenschaft Wirtschaftswissenschaften studiert und hatte von dieser Seite den Zugang.

Und welche Rolle spielt das Thema heute in der Lehre?
In der Musikpädagogik ist es sehr beliebt und in den meisten Universitäten auch eine Pflichtveranstaltung. Aktuell entwickeln sich zudem die Musikpsychologie und die Musiktherapie sehr stark und auch dafür wird Statistik benötigt. Wenn Sie Kopfschmerzpatienten mit Musiktherapie behandeln wollen, müssen Sie wissen:  Welche Musikarten helfen, welche Klänge, welche Zusammenstellung?

Was ist noch besonders an dem Buch?
Zum einen der Praxisbezug: Jedes Kapitel beginnt mit einem Szenario aus der musikalischen Praxis, erst dann werden die Verfahren eingeführt, die für musikrelevante Untersuchungen wichtig sind. Ein Teil der Szenarien stammt aus Abschlussarbeiten unserer Studierenden. Und es gibt einen großen Anhang mit Übungsdaten und den entsprechenden Lösungen. Wir haben die Szenarien konsequent mit gängigen Statistik-Programmen durchgearbeitet und dazu noch den Einblick in ein neues Programm gewährt, bei dem wir eine große Zukunft sehen.

 


Natalia Nowack, Wolfgang Auhagen: Statistik in der Musikforschung Lehrbuch für Musikwissenschaftler, Musikpädagogen und Musikinteressierte. Dresden 2025, 320 Seiten, Open Acces, https://doi.org/10.25366/2025.53
 

Zur Person

PD Dr. Natalia Nowack hat in Moskau, Weimar und Jena unter anderem Musikwissenschaft, Wirtschaftswissenschaft und Kunstgeschichte studiert. Sie wurde 2006 an der MLU promoviert und habilitierte sich 2017 ebenfalls an der Uni Halle. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören die Geschichte der Musikwissenschaft, Musiksoziologie, Theorien und Methoden der systematischen Musikwissenschaft und populäre Musik. 

Schlagwörter

Musikwissenschaft

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