Globale Krisen brauchen globale Lösungen

10.03.2021 von Matthias Münch in Wissenschaft, Kontext
Für die Bewertung globaler Gesundheitsrisiken wurde einst die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gegründet. In der Corona-Pandemie jedoch hat die WHO massiv an Einfluss verloren, die Nationalstaaten haben das Krisenmanagement übernommen. Der Humangeograph Prof. Dr. Jonathan Everts ordnet den Fakt ein.
Der Sitz der Weltgesundheitsorganisation in Genf
Der Sitz der Weltgesundheitsorganisation in Genf (Foto: WHO/P. Virot)

Infektionskrankheiten kennen keine Grenzen. Sie können nur mit einer globalen Perspektive nachhaltig und dauerhaft zurückgedrängt werden. Diese Erkenntnis führte 1948 zur Gründung der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die im Falle international auftretender Epidemien für die Sammlung von Daten, die Erstellung von Empfehlungen und gegebenenfalls auch für die Entsendung von Expertinnen und Experten, von  Medizinerinnen und Medizinern in betroffene Gebiete zuständig sein sollte. Bei der Bewältigung der aktuellen Bedrohung durch Corona ist jedoch zu beobachten, dass die nationalen Gesundheitsbehörden und -politiker die Führungsrolle übernommen und damit die WHO als internationales Kompetenz- und Koordinationszentrum ins Abseits gestellt haben.

Das ist eine bedrohliche und zugleich völkerrechtlich problematische Entwicklung: 2005 hatte die WHO die revidierten International Health Regulations (IHR) verabschiedet, die von allen Mitgliedsstaaten ratifiziert wurden. Diese schreiben neben dem unverzüglichen Datenaustausch auch den Ausbau der nationalen Gesundheitswesen vor, um beispielsweise für eine Pandemie gerüstet zu sein. Weiter heißt es dort, dass nationale Maßnahmen im Pandemiefall international abgestimmt, im Einklang mit den geltenden Menschenrechtskonventionen und auf der Grundlage evidenzbasierter Wissenschaft zu erfolgen haben. Zudem ist festgeschrieben, dass eine unnötige Beeinträchtigung des internationalen Verkehrs und Handels zu vermeiden sei.

Der Zeitpunkt für die neuen IHR war kein Zufall. Wenige Jahre zuvor gab es gleich zwei Epidemien, die sich von Südostasien aus verbreiteten und deren Erreger vermutlich jeweils von Wildtieren auf den Menschen übertragen wurden: 2002 das Schwere Akute Respiratorische Syndrom (SARS), ausgelöst durch ein zur Corona-Familie gehörendes Virus, und 2004 die Vogelgrippe H5N1. Schon bei der Abwehr dieser Seuchen waren erste nationale Alleingänge zu beobachten. So hat Kanada, Wahlheimat vieler Chinesinnen und Chinesen, während der SARS-Pandemie den Luftverkehr mit China unterbunden. Auch nach Verabschiedung der IHR nahmen diese Alleingänge nicht ab: Während der Schweinegrippe 2009 – die WHO hatte die Seuche sehr früh zur Pandemie erklärt und wurde dafür später stark kritisiert – wurden zahlreiche internationale Lieferketten gekappt, China zum Beispiel hat den Import von Schweinefleisch aus den USA komplett eingestellt.

Diese Fehler wollte man 2020 nicht wiederholen. Die WHO hat nach dem Corona-Ausbruch wiederholt vor Panik und Hysterie gewarnt und davor, die globalen Handelsbeziehungen zu zerstören, die eine Grundlage für Ernährungssicherheit und medizinische Versorgung sind. Sie hat versucht darauf hinzuweisen, dass die großen Killer unter den Infektionskrankheiten – etwa Malaria, der vor allem Kinder in Ländern des Globalen Südens zum Opfer fallen – nicht aus dem Bewusstsein gedrängt werden dürfen. Ungeachtet dessen haben die Nationalstaaten die Regie übernommen, Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie werden überwiegend innerhalb von Ländergrenzen getroffen. Dabei werden nicht nur wiederholt Empfehlungen und Erkenntnisse der WHO ignoriert, etwa Einwände gegen Grenzschließungen und Maskenpflicht oder Studien zur Wirksamkeit von Lockdowns. Die Staaten ihrerseits üben einen starken Druck auf die WHO aus, die daraufhin mehrfach ihre Empfehlungen geändert hat.

Dieser Kurs ist nicht zuletzt Folge eines Paradigmenwechsels in der Gesundheitspolitik der vergangenen Jahrzehnte: von der teuren, aber effektiven Prävention und Heilung hin zur billigeren „Preparedness“, zum Krisenmanagement. So kommt es, dass Krankenhäuser aus ökonomischen Gründen geschlossen werden, während die Ausgaben für das Katastrophenmanagement steigen. Damit einher geht ein Alarmismus, der den sachlichen Umgang mit der Bedrohung durch eine Krankheit erschwert. Eine problematische Rolle spielen dabei die sogenannten Dashboards – interaktive, grafisch aufbereitete Übersichten, in denen etwa Infektionszahlen, Todesfälle oder Verbreitungsmuster abgebildet werden.

Dashboards stammen ursprünglich aus militärisch geführten Krisenstäben und sollten anwesenden Experten einen schnellen Überblick geben. Für Laien sind sie ungeeignet, weil sie vereinfachte Erklärungen für sehr komplexe Phänomene nahelegen. Regional unterschiedliche Sterberaten zum Beispiel lassen sich nicht allein durch nationale Gesundheits- und Präventionsmaßnahmen erklären. Es bedarf einer differenzierten Betrachtung der regionalen und demografischen Besonderheiten, etwa der Frage, in welchen gesellschaftlichen Gruppen und an welchen Orten – ganz lokal, zum Beispiel in Altersheimen oder am Arbeitsplatz – sich das Virus besonders schnell ausbreitet.

Das Verharren im Katastrophenmodus kann den Blick dafür verstellen, dass eine einseitige Gefahrenabwehr auch ungewünschte Folgen hat, dass sie beispielsweise gesellschaftliche Ungleichheiten verstärkt oder ganz neu erschafft – national, aber auch international. Millionen Menschen weltweit sind von der Lieferung von Nahrungsmitteln oder Medikamenten aus den Industriestaaten abhängig. Gerade in den ärmeren Ländern dieser Erde leben Millionen Menschen vom Tourismus und verlieren gerade ihre Existenzgrundlage. Verstärkt wird diese Ungleichheit durch nationale Alleingänge bei der Impfstoffbestellung und -vergabe: Einkommensstarke Länder haben sich bis Ende 2020 laut eines Berichts im "British Medical Journal" bereits über 50 Prozent der bis auf weiteres verfügbaren Impfstoffe reserviert, obwohl sie weniger als 14 Prozent der Weltbevölkerung versorgen müssen. Das von der WHO unterstützte Impfprogramm COVAX bemüht sich um Ausgleich, wird aber die anvisierten zwei Milliarden Impfdosen bis Ende 2021 für die ärmeren Länder nicht erreichen können.

In einigen Jahren wird man besser verstehen, wie die verschiedenen, aktuell neu entstehenden Zusammenhänge zwischen Virus, Gesellschaft und Politik einzuordnen sind. Bereits jetzt lässt sich aber festhalten: Globale Krisen müssen global gelöst werden, auch wenn dies im Einzelfall eine sehr lokal und auf den Einzelfall angepasste Herangehensweise erfordert.

 

Der Text stammt aus der Print-Ausgabe des Wissenschaftsmagazins "scientia halensis" und steht in der Rubrik „Kontext“. Darin setzen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Martin- Luther-Universität mit einem aktuellen Thema aus ihrem Fach auseinander, erklären die Hintergründe und ordnen es in einen größeren Zusammenhang ein.

Jonathan Everts
Jonathan Everts (Foto: Markus Scholz)

Prof. Dr. Jonathan Everts ist seit 2018 Professor für Anthropogeographie am Institut für Geowissenschaften und Geographie der MLU. In dieser Disziplin geht es um die Wechselbeziehung zwischen Mensch und Raum, sei es durch Konsum, den Umgang mit Krankheiten oder bei der Verkehrs- und Stadtplanung. In seiner Habilitation hat Everts den gesellschaftlichen Umgang mit der Schweinegrippe-Pandemie untersucht.

Kontakt:
Prof. Dr. Jonathan Everts
Institut für Geowissenschaften und Geographie
Tel.: +49 345 55-26015
E-Mail: jonathan.everts@geo.uni-halle.de

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