Was soll der Spunk?

04.05.2022 von Katrin Löwe in Im Fokus, Wissenschaft
Sprachwissenschaft für Kinder: Ein am Germanistischen Institut entstandenes Buch erklärt Sprache und wie sie funktioniert. Das ist unterhaltsamer Wissenstransfer und füllt eine Lücke auf dem Büchermarkt.
Brigitte Schniggenfittig und Jörg Wagner haben die Arbeiten an dem neuen Buch geleitet.
Brigitte Schniggenfittig und Jörg Wagner haben die Arbeiten an dem neuen Buch geleitet. (Foto: Maike Glöckner)

Es ist eine Filmszene, die Millionen von Kindern kennen: Pippi Langstrumpf hat gerade eine Sahnetorte zum Frühstück verdrückt, da fällt ihr plötzlich ein ganz neues Wort ein: Spunk! Doch was ist ein Spunk? Kein Wort jedenfalls, sagt ihr Freund Tommy, weil nur berühmte Professoren Wörter erfinden. Das stimmt so sicherlich nicht, aber: Kann man einfach so Wörter erfinden? Wer bestimmt, was Wörter bedeuten? Warum verschwinden manche Wörter aus der Sprache? Und gibt es eigentlich für alle Dinge ein Wort?

Vorwärts wie rückwärts gelesen gleich: das Bild zur Erklärung von Palindromen
Vorwärts wie rückwärts gelesen gleich: das Bild zur Erklärung von Palindromen (Foto: Dieter Gilfert)

Antworten auf diese Kinderfragen hat das im Mirabilis Verlag erschienene Buch „Wer denkt sich Wörter aus? Eine Wort-Schatz-Suche“, das für Kinder ab zehn Jahren geschrieben ist. Herausgegeben wurde es von Brigitte Schniggenfittig und Dr. Jörg Wagner, die beide seit vielen Jahren am Germanistischen Institut der Universität lehren.
Der im doppelten Sinne „Wort-Schatz“ der deutschen Sprache, auf dessen Suche sich die jungen Leserinnen und Leser begeben können, besteht heute aus einer in die Millionen gehenden Anzahl von Wörtern, von denen durchschnittlich 12.000 bis 16.000 im Alltag benutzt werden – ausgesprochen mit Hilfe von nur 40 Lauten und geschrieben mit nur 30 Buchstaben. Das ist ein erstaunliches Baukasten-System, das praktisch und gut funktioniert, aber durchaus erklärt werden will. Denn der Spunk, so schön er lautlich klingt und geschrieben aussieht, bleibt doch bedeutungsleer. Und ein Wort ist tatsächlich immer nur ein Wort, wenn es eine Bedeutung hat, die auch andere verstehen oder wie es das Buch griffig erklärt: „Jede Münze hat immer zwei Seiten, egal, ob es ein Cent oder ein Zweieurostück ist.“

Doch eben dieses Erklären der Sprache aus Sicht der Linguistik ist nicht trivial: „Dinosaurier und Ritterburgen lassen sich prima erklären und zeichnen. Vielleicht gibt es deshalb so viele Kindersachbücher darüber – und so wenige über Sprache“, sagt Wagner. Auf dem Markt, ergänzt Schniggenfittig, seien eher Bücher zu finden, die für Erwachsene geschrieben und für Kinder adaptiert wurden. „Das war nicht unser Ansatz. Wir wollten von Anfang an Fragen berücksichtigen, die authentisch von Kindern gestellt werden.“

Mit der Sammlung der Fragen im persönlichen Umfeld begann die Umsetzung der Idee in der Germanistik. Es folgten zwei Jahre Arbeit in Seminaren mit Studierenden in den  Studiengängen „Deutsche Sprache und Literatur“ und Lehramt Deutsch sowie „Berufsorientierte Linguistik im interkulturellen Kontext“, aber auch mit Studierenden der Sprechwissenschaft, die Texte für die Internet-Begleitseite www.sprachfutter.de einsprachen. Darüber hinaus beteiligten sich neben Prof. Dr. Sven Staffeldt auch weitere Mitarbeiter*innen des Germanistischen Instituts an der Arbeit im Team.

Eines der Bilder im Kapitel zu lautmalerischen Wörtern
Eines der Bilder im Kapitel zu lautmalerischen Wörtern (Foto: Dieter Gilfert)

Am Ende des Wissenstransfer-Projekts ist nun ein wunderschönes Buch entstanden – mit 31 Texten, die mit humorvollen Bildern des halleschen Malers und Grafikers Dieter Gilfert illustriert sind. Darin wird erklärt, was man über Sprache wissen kann – anschaulich, kompakt und staunenswert. Das ist auch für Erwachsene oft lehrreich.

Doch noch einmal zum Spunk zurück und den Fragen aus der Kinderperspektive. Warum setzen sich manche Wörter nicht durch und verschwinden aus der Sprache? Weil Sprache sich ständig wandelt. Alle tragen wir jeden Tag zu diesem Wandel bei. Auch Wortbedeutungen können sich daher ändern. Manche schnell, manchmal dauert der Wandel Jahrhunderte. Das Wort „dumm“ etwa, beschreibt das Buch, kommt von „tumb“, was im Althochdeutschen noch „taub“ bedeutete, aber eben nicht wie heute „doof“ oder „blöd“. Dafür konnten früher Kinder „blöde Augen“ haben, also nicht gut sehen. Wer „witzig“ war, war geistreich, aber nicht unbedingt auch lustig – so wie wir es heute verstehen.  

Dafür, dass Sprache sich verändert, dass sie eben kein festgefügtes, sondern ein flexibles System ist, wollen Wagner und Schniggenfittig sensibilisieren. „In der Schule nehmen wir Wörterbücher und Grammatik oft als etwas wahr, was feststeht. Dass auch Wörterbücher immer wieder verändert werden, weil sich die Sprache verändert hat, ist vielen gar nicht bewusst“, sagt Wagner.

Und so ist auch der Schritt vom Buch in den Deutschunterricht immer nicht weit: „Ein künftiger Lehrer muss wissen, wie er etwas Hochkompliziertes einem Schüler aus der vierten Klasse erklären muss", sagt Brigitte Schniggenfittig. Und Jörg Wagner ergänzt: „Es ist primär ein Buch, das man zu Hause gemeinsam mit Zehn- bis 13-Jährigen lesen kann, aber genauso gut eines, das dazu beitragen kann, dass Deutschunterricht an manchen Stellen ein bisschen entstaubt und lebensnaher wird."

Und so ist die „Wort-Schatz-Suche“ auch zusätzlich noch ein Buch, dass lesefördernd wirken soll. Es bedient sich daher der Hilfe von mehr als 40 kinder- und jugendliterarischen Werken. Aus ihnen werden die Beispiele entnommen, an denen sprachliche Phänomene erläutert werden. Diese Bücher werden damit den Kindern auch zur Lektüre empfohlen: Dazu gehören Astrid Lindgrens „Pippi Langstrumpf“ und Joanne K. Rowlings „Harry Potter“ genauso wie Michael Endes „Die unendliche Geschichte“ oder Franz Fühmanns Sprachspielbuch „Die dampfenden Hälse der Pferde im Turm von Babel“.

Eine der größten Herausforderungen in der Erarbeitung des Buches sei es gewesen, zu einer Einigung über die Verwendung von Fachbegriffen zu kommen, erinnern sich Schniggenfittig und Wagner. Im Wesentlichen wurden sie weggelassen beziehungsweise in der Randspalte ergänzt. Denn Polysemie – die Mehrdeutigkeit von Wörtern - kann man eben auch ohne Fachbegriff einfach erklären, zum Beispiel am Wort „Läufer“, das wahlweise einen Jogger, eine Schachfigur, einen langen Teppich oder auch noch vieles mehr bezeichnen kann. Der Text heißt denn auch passend: „Läuft! Auch ganz ohne Beine“.

Wer am Ende noch mehr an Sprachfutter braucht, wird auf der gleichnamigen Website fündig. Dort finden sich zahlreiche weiterführende Informationen und interaktive Angebote wie Memory-Spiele, Suchrätsel oder Quizaufgaben. „Es gibt Dinge, die sind im Buch nicht abbildbar“, sagt Wagner. Etwa Audiodateien zur Aussprache deutscher Wörter, die in andere Sprachen übernommen worden sind: Sauerkraut auf Englisch zum Beispiel oder Rucksack (ryggsäck) auf Schwedisch. Auch diese Arbeit haben zwölf Studierende wesentlich vorangetrieben - ein praktischer und stark anwendungsbezogener Mehrwert für ihr Studium. Sie sammelten Bücher, Internetlinks und Videos und erarbeiteten in einem dreiwöchigen Blockseminar die Website.

Das Gesamtprojekt ist damit jedoch längst nicht beendet. Zum einen wird die Sprachfutter-Website fortlaufend aktualisiert, zum anderen planen Schniggenfittig und Wagner noch zwei weitere Sprach-Bücher für Kinder.

Brigitte Schniggenfittig, Jörg Wagner: Wer denkt sich die Wörter aus? Eine Wort-Schatz-Suche. Mit Illustrationen von Dieter Gilfert. Klipphausen/Miltitz, 112 Seiten, 19 Euro, ISBN: 978-3-947857-12-8

Website zum Buch: www.sprachfutter.de

Brigitte Schniggenfittig
Germanistisches Institut
Tel.: +345 55-23507
E-Mail:brigitte.schniggenfittig@indogerm.uni-halle.de

Dr. Jörg Wagner
Germanistisches Institut
Tel.: +49 345 55-23621
E-Mail:joerg.wagner@germanistik.uni-halle.de

 

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