Haltung und Geradlinigkeit - Zum Tode von Frank Eigenfeld

01.04.2022 von Prof. Dr. Dr.-Ing. Gunnar Berg in Personalia
Ein Nachruf auf den Geologen Dr. rer. nat. Frank Eigenfeld von Altrektor Prof. Dr. Dr.-Ing. Gunnar Berg, in dessen Amtszeit die Rehabilitierung des Bürgerrechtlers und Mitbegründers des NEUEN FORUM fällt, der 1982 aus dem Dienst der Universität entlassen wurde.
Frank Eigenfeld im Jahr 2005
Frank Eigenfeld im Jahr 2005 (Foto: Heidi Bohley / Archiv Verein Zeitgeschichte(n))

Am 17. März 2022 starb im Alter von 78 Jahren der Geologe Dr. Frank Eigenfeld, einer der hallischen Protagonisten der Friedlichen Revolution 1989/90, Mitbegründer der NEUEN FORUMs. Im persönlichen Umgang war er ein überaus ruhiger, zurückhaltender, seine Worte wägender, kurzum, ein in sich ruhender Mensch, aber ein für richtig erkanntes Ziel verfolgte er zielgerichtet, auch bewusst alle Konsequenzen auf sich nehmend. In der DDR zu bleiben, war sein Credo, aber nicht bereit zu sein, sich mit den Verhältnissen abzufinden, seine Maxime. Für ihn bedeutete das nicht, dass er fortan ununterbrochen widerspenstig gewesen wäre, natürlich musste er sich, wie jeder DDR-Bürger, auch anpassen, die Frage war nur, wo die Grenze zu setzen sei. Insofern ist das Leben Frank Eigenfelds zunächst wenig spektakulär, aber exemplarisch für das Leben in einem totalitären Staat, den man zwar im Grundsatz ablehnt, in dem man sich aber auch irgendwie einrichten will, zeigt dann aber auch, wie sich Widerstand entwickeln kann.

Am 18. August 1943 wurde als jüngstes von vier Kindern des Apothekers Willi Eigenfeld und seiner Ehefrau Emmy, geb. Wurfschmidt, Frank Eigenfeld in Frankfurt/Oder geboren. Der Vater war eingezogen, die Mutter musste mit den vier Kindern infolge der Kriegsereignisse 1945 Frankfurt verlassen und ging zunächst nach Heiligenstadt/Eichsfeld, von dort noch in demselben Jahr nach Wernigerode. 1946 kam der Vater aus der Kriegsgefangenschaft zurück, 1947 zog die Familie nach Salzwedel, wo Frank Eigenfeld auch 1949 eingeschult wurde. Da der Vater die Möglichkeit bekam, ab 1952 in Halle die Leitung einer Apotheke zu übernehmen, wurde wiederum umgezogen und Frank beendete die Grundschule 1957 in Halle. Er besuchte anschließend die Adolf-Reichwein-Oberschule in Halle und legte 1961 das Abitur mit „Gut“ ab.

Sein erster Studienwunsch war „Regisseur“ an der Filmhochschule Babelsberg, den er so ernst nahm, dass er noch 1961 während der Wartezeit auf die Zulassung eine Tätigkeit in dem VEB Filmfabrik Wolfen aufgenommen hat. Doch bereits Anfang 1962 wechselte er in den VEB Elektrochemische Werke Bitterfeld, um den täglichen, sehr zeitaufwendigen Arbeitsweg von und nach Halle erträglicher zu gestalten. Im August 1962 erhält er aus Babelsberg die Benachrichtigung, dass in dem gewünschten Studienfach keine Neuaufnahmen stattfänden, was bedeutete, dass er sich umorientieren musste. Da er nun in Rostock „Schiffstechnik“ studieren wollte, gab es ein kurzes Intermezzo gegen Ende 1962 in der Warnowwerft in Rostock, doch zwischendurch war offenbar der Wunsch gereift, „[a]ls Naturinteressierter“, wie er rückblickend 1990 in einem Lebenslauf schreibt, Geologie zu studieren. Er arbeitete zunächst seit 1.12.1962 als „Ausgräber“ für das Geologisch-Paläontologische Institut der Universität Halle im Geiseltal unter der Leitung von Prof. Dr. Matthes und beendet diese Tätigkeit zum 31.8.1963, um mit dem Studium zu beginnen.

Das Bild von Frank Eigenfeld aus seiner Personalakte Mitte der 1970er Jahre
Das Bild von Frank Eigenfeld aus seiner Personalakte Mitte der 1970er Jahre (Foto: Uni Halle / UAHW Rep. 11, PA 25488)

In der sich in der Universität befindlichen Personalakte kann man beobachten, wie die damals so genannte „Kaderakte“ von Betrieb zu Betrieb mitwanderte – die jeweilige Anforderung durch den neuen Betrieb wurde ebenfalls in den Akten aufbewahrt –, so dass, zumindest solange der Wechsel von einem staatlichen Betrieb zu einem anderen erfolgte, der Arbeitgeber lückenlos über das gesamte berufliche Vorleben und selbstverständlich auch über die gesellschaftlichen Aktivitäten, die dort natürlich auch erfasst waren, informiert war.

Natürlich liegen auch für Frank Eigenfeld entsprechende „Beurteilungen“ in den Akten. Die fachliche Arbeit wird durchgehend positiv eingeschätzt, aber dann die Einschränkung zum Beispiel in der Form: „zeigte er bisher wenig Interesse, sich gesellschaftlich-politisch zu betätigen“ (Zwischenzeugnis vom 23.5.1962 aus Bitterfeld), und dann in der Beurteilung vom 13.8.1962 zum Abschluss der Tätigkeit in Bitterfeld: „Wir schlagen vor, dass er vorher [vor Aufnahme eines Studiums] durch eine gute praktische und gesellschaftliche Tätigkeit in der Industrie seine  positive Einstellung zu unserem Arbeiter-und-Bauern-Staat beweist.“

Doch Professor Matthes beurteilt ihn zum Abschluss der Ausgräber-Tätigkeit überaus positiv, sowohl fachlich, aber auch in seinem menschlichen Auftreten. Er erwähnt unter anderm „Hilfsbereitschaft und Höflichkeit“ und betont besonders: „Auch zu den Bergleuten, die […] unsere Fundstelle aufsuchen, ist er zuvorkommend.“ Und kommt zu dem Schluss: „Seine Einstellung zur Gesellschaftsordnung in der DDR ist gut.“ Das von einem anerkannten Hochschullehrer war damals – wohlgemerkt vor der 3. Hochschulreform und der Umwandlung in eine „sozialistische Hochschule“ – ausreichend, dass Frank Eigenfeld im September 1963 sein Studium aufnehmen konnte.

Er beendete es erfolgreich im August 1968 mit der Diplomarbeit „Vulkanotektonische und petrographische Untersuchungen am Rochlitzer Quarzporphyr-Komplex in Nordwestsachsen (Raum Grimma – Großbothen – Colditz)“, die mit „Sehr gut“ bewertet, in einem Gutachten vom 1.4.1970 von Prof. Dr. Hohl sogar mit „vorzüglich“ bezeichnet wird. Die Vielseitigkeit seiner Ausbildung, die sich nicht auf die Geologie beschränkte – im Studium spielte natürlich durch das Geiseltal auch die Paläontologie eine große Rolle –, kommt darin zum Ausdruck, dass er selbst als seine akademischen Lehrer nicht nur die Geologen Hans Werner Matthes, Rudolf Hohl und Manfred Reichstein nennt, sondern auch den Zoologen Johannes Otto Hüsing und den Geobotaniker Rudolf Schubert.

Da im Zuge der schon erwähnten 3. Hochschulreform das Geologisch-Paläontologische Institut geschlossen wurde, kommt eine dort gewünschte Anstellung nicht in Frage und so beginnt er im Herbst 1968 eine Tätigkeit im VEB Geologische Forschung und Erkundung in Halle, wo ihn allerdings noch in demselben Jahr der Einberufungsbefehl zum Grundwehrdienst in der Nationale Volksarmee (NVA) erreichte, den er am 4. November 1968 antrat.

Zwar war das Institut aufgelöst, aber da zur Ausbildung von Diplom-Geographen und Geographie-Lehrern auch Geologie gehörte, verblieb weiterhin eine kleine Gruppe von Geologen an der neugegründeten Sektion Geographie – und es war Frank Eigenfelds Bestreben, dorthin zu kommen. Ihm war natürlich klar – die Zeiten hatten sich mit der Hochschulreform grundlegend geändert –, dass es sehr von der Bewertung bei der NVA abhängen würde, ob sich das realisieren ließe. Und er fand offenbar verständnisvolle Vorgesetzte, die ihm in der Abschluss-Beurteilung vom 13.3.1970 bestätigten, dass er nach „Qualifizierung zum Kommandeursfahrer“ seinen „Aufgaben im vollen Umfange gerecht wurde“. Nach weiteren Lobreden kommt der Regimentskommandeur dann zu dem Schluss: „Ich bitte deshalb das Sekretariat der Martin-Luther-Universität Halle/Wittenberg, dem Antrag des Gefreiten Eigenfeld nach der Entlassung aus der NVA, am Lehrstuhl für Geologie zu arbeiten, stattzugeben.“  So begann er im Mai 1970 an der Sektion Geographie als befristeter Assistent, 1975 wurde diese Stelle entfristet.

Die Arbeitszeugnisse aus dieser Zeit – es geht um Höherstufungen und um die Entfristung – sind ausschließlich positiv und wohlwollend, allein die zunächst ausstehende Promotion wird bemängelt, aber gleichzeitig mit dem Arbeitsumfang, der von ihm „[a]ls einzigem Assistenten am Fachbereich“ zu leisten ist (Antrag auf Höherstufung vom 14.6.1974) sowie der umfangreichen erforderlichen Kartierung gewissermaßen auch entschuldigt. Neben Lehr- und Forschungstätigkeit war natürlich auch ein gewisses Maß ‚gesellschaftlicher Tätigkeit‘ notwendig. Wer nicht plump politisch agieren wollte, was natürlich eigentlich erwartet wurde, suchte sich ‚Nischen‘, wo möglichst persönliche Interessen mit denen der Allgemeinheit verbunden werden konnten. Das klang in den durchaus wohlwollenden Beurteilungen für Frank Eigenfeld dann zum Beispiel so: „Sehr anerkennenswert ist seine Mitarbeit im Kulturbund als Fachgruppenleiter Geologie auf Bezirksebene, als Mitglied der Kreiskommission »Natur und Heimat« sowie als Naturschutzhelfer beim Rat der Stadt Halle.“ (Beurteilung vom 26.5.1975). Damit konnte man natürlich keine Karriere machen, aber es war ausreichend, an der Universität ungestört zu arbeiten.

Im Jahr 1974 heiratete Frank Eigenfeld die Pfarrerstochter Katrin, geb. Gabriel, mit der gemeinsam er sich ab Ende der 1970er Jahre in der Offenen Jugendarbeit der evangelischen Kirche in Halle-Neustadt engagierte. Doch zunächst hatte das keine nachweisbaren Auswirkungen auf seine Stellung an der Universität. Die Promotion „Zur geologischen Entwicklung der vulkanischen Gesteine im Süd- und Ostteil des nordwestsächsischen Vulkanitkomplexes“ wird fertiggestellt und am 21.6.1979 erfolgreich verteidigt. Alle drei Gutachter bewerten die Arbeit mit „magna cum laude“, mit ebendieser Note wird die Verteidigung abgeschlossen, nur in der obligatorischen Prüfung im Fach Marxismus-Leninismus (ML) hat es „cum laude“ gegeben. Im Protokoll begründet die Prüfungskommission ausführlich ihren Vorschlag, das gesamte Verfahren trotz des „cum laude“ mit „summa cum laude“ zu bewerten, doch die Fakultät wertet die ML-Note so hoch, dass diese Möglichkeit, die die Promotionsordnung bietet, nicht genutzt und das Verfahren insgesamt mit „magna cum laude“ bewertet wird.

Zu den Dienstaufgaben der wissenschaftlichen Assistenten gehörte es auch, zum Beispiel für die Studenten in der ersten Studienwoche den obligatorischen Polit-Unterricht durchzuführen oder diese auch in den Lagern für Zivilverteidigung (ZV) zu betreuen – alles Tätigkeiten, die mit der eigentlichen Qualifikation nichts zu tun hatten, für die ehestens die Assistenten der Sektion Marxismus-Leninismus prädestiniert gewesen wären, die aber eines der Mittel waren, die Willfährigkeit von Universitätsangehörigen zu testen. Auch Frank Eigenfeld führte den erwähnten Politunterricht durch, auch fuhr er im Oktober/November 1981 in das Lager für Zivilverteidigung in Oberthau. In diese ZV-Lager mussten einmal während des Studiums alle Studentinnen, die wehrdienstuntauglichen Studenten und die Theologie-Studenten –  offiziell ging es um Zivilverteidigung. Doch tatsächlich lief im Lager, das von ehemaligen NVA-Offizieren geleitet wurde, alles militärisch ab, der einzige Unterschied zu den Militärlagern der Wehrpflichtigen war, dass nicht geschossen wurde. Dieser militärische Drill, der jeglichem zivilen Verständnis widersprach, ging nun Frank Eigenfeld zu weit. Er genehmigte einer Studentin zweimal Ausgang und er habe „während des Lehrgangs [sein] Unverständnis über die Disziplin im Ausbildungslager gegenüber Studenten zum Ausdruck gebracht.“ (Eröffnung eines Disziplinarverfahrens durch den Rektor am 19.1.1982, mit dessen Durchführung der Direktor für Kader und Qualifizierung beauftragt wird). Das Verfahren endet am 4.2.1982 nach Stellungnahme des Delinquenten und zwei „Aussprachen“ mit einem „strengen Verweis“, unterschrieben von dem erwähnten Direktor für Kader und Qualifizierung, seines Zeichens Dozent. Man könnte meinen, damit war das Verfahren abgeschlossen. Doch am 19.5.1982 teilt derselbe Direktor Frank Eigenfeld mit ebenderselben Begründung und unter Bezug auf dieselben gesetzlichen Grundlagen die Kündigung als „wissenschaftlicher Mitarbeiter – unbefristeter Assistent – an der Martin-Luther-Universität“ mit. Die „Abschlußbeurteilung“ des Direktors der Sektion Geographie vom 27.8.1982 (!) ist über mehr als zwei Seiten überaus positiv, er besitze „neben hervorragenden fachlichen Kenntnissen eine fundierte Allgemeinbildung“, es ist die Rede von „überdurchschnittlichen pädagogischen Fähigkeiten“, seine „Forschungen […] fanden nationale und internationale Anerkennung“, daneben werden „Hilfsbereitschaft und Bescheidenheit“ sowie „sein ehrenvolles Abschneiden bei Reservistenlehrgängen der NVA und Zivilverteidigungslehrgängen als Ausbilder“ gelobt. Es ist sichtlich nachzuempfinden, wie schwer es dem Schreiber fällt, auf den letzten sechs Zeilen eine Formulierung zu finden, um lapidar und ohne jede Verurteilung mitzuteilen, dass „wegen Verstoßes gegen die Lagerordnung ein Disziplinarverfahren“ geführt und in dessen Folge ihm „fristgemäß gekündigt“ wurde.

Soweit aus den Akten an der Universität ersichtlich, hat Frank Eigenfeld auch einmal im Juli 1982 ein Gespräch bei dem staatlichen „Handelskombinat HO“ bezüglich einer Stelle als „ungel. Kellner“ geführt, doch kümmerte er sich dann selbst um eine Beschäftigung, war in der Gaststätte „Krügers gute Stube“ im Steinweg von Oktober bis November 1982 als Kellner angestellt und dann ab Dezember 1982 in der evangelischen Gemeinde „Am Gesundbrunnen“ als Hausmeister und als Küster.  Doch ‚Der große Bruder wacht!‘ – der bereits erwähnte Direktor für Kader schreibt am 22.10.1985 (!) an den Rat der Stadt Halle-Neustadt: „Da jedoch bis zum heutigen Zeitpunkt seine [Eigenfelds] Kaderakte von keinem anderen Betrieb angefordert wurde, möchten wir Sie über diesen Tatbestand nachträglich informieren“ – sicherlich wussten die Genossen in Halle-Neustadt, dem Wohnort der Eigenfelds, dass sie sich nun zu kümmern hatten.

Doch Frank Eigenfeld war nun schon in oppositionellen Gruppen aktiv, organisierte die ‚politischen Nachtgebete‘ in Halle, gehörte am 10.September 1989 zu den Gründern des NEUEN FORUM und spielte bei den Montagsdemonstrationen in Halle durch seine besonnene Art eine überaus wichtige und auch beruhigende Rolle, wie jeder, der teilnahm, miterleben konnte. Doch das ist nun alles nicht mehr Inhalt der Akten der Universität, dazu sei auf seine eigenen Darstellungen verwiesen, die in unnachahmlicher Weise seinen Geist ausstrahlen (siehe z.B. die Schilderung der Ereignisse um die Gründung des NEUEN FORUM in seinem Text: „Verzieht euch endlich, Pack, ihr elendes! Erlebnisse im Herbst 1989 in Halle“, der sich im Archiv des Vereins Zeitgeschichte(n) – Verein für erlebte Geschichte Halle/Saale befindet).

Die Friedliche Revolution 1989 beanspruchte ihn natürlich zunächst von Februar bis August 1990 als Geschäftsführer des NEUEN FORUM in Halle, doch er aktivierte schon zu diesem Zeitpunkt seine Kontakte in die Universität, um dort wieder angestellt zu werden. Und wie es das Schicksal so will, die beiden Hauptakteure waren ebendieselben, die schon bei seiner Entlassung eine Rolle gespielt hatten. Der Sektionsdirektor, der 1982 offenbar nur widerwillig die Abschlussbeurteilung geschrieben hatte, stellte schon am 12.6.1990 den Antrag „Herrn Dr. Frank Eigenfeld …] als wissenschaftlichen Oberassistenten zum 1.9.1990 wieder einzustellen“, wobei „wieder“ wohl nicht ganz zutreffend ist, denn entlassen worden war Frank Eigenfeld als Assistent. Und der Adressat war der ehemalige Direktor für Kader und Qualifizierung, der das Disziplinarverfahren durchgeführt hatte, mittlerweile zum Professor befördert worden war und jetzt als „amt. Direktor des Personalamtes“ fungierte. Der notierte nun auf dem Antrag handschriftlich: „Ist Rehabilitationsfall (politisches Diszipl Verfahren)“. Das musste er natürlich nur allzu gut wissen, hatte er es doch selbst durchgeführt.

So wurde Frank Eigenfeld zum 1. September 1990 als Oberassistent eingestellt, am 13.7.1993 machte der Fachbereich von der Möglichkeit des Hochschulerneuerungsgesetzes Gebrauch, verdiente Mitarbeiter als Akademische Mitarbeiter in einen Status zu versetzen, in dem sie selbstständig und ohne Weisung wissenschaftlich tätig sein können. Natürlich hatte er auch beim Regierungspräsidium den Antrag gestellt, die Zeit von 1982 bis 1990 als „Verfolgungszeit“ anerkannt zu bekommen, was auch mit Bescheid vom 24.8.1995 erfolgt ist. Doch für die Universität schien der Fall mit der Wiedereinstellung abgeschlossen zu sein. Erst nachdem sich die ersten Turbulenzen nach der personellen Erneuerung gelegt hatten, wurde all derer gedacht, denen während der DDR-Zeit Unrecht geschehen war und für die eine Rehabilitation fällig war, natürlich nach sorgfältiger Prüfung jeden Einzelfalls. Letzten Endes konnte es nur um eine Entschuldigung gehen, der Rektor schilderte in einer öffentlichen Sitzung das Schicksal der Betroffenen und entschuldigte sich im Namen der Universität für das geschehene Unrecht, musste aber auch darauf verweisen, dass „dieser Akt lediglich einer ideellen Wiedergutmachung gleichkomme“. Für Frank Eigenfeld geschah das in der Konzilssitzung am 19.6.1996.

Doch es soll nicht verschwiegen werden, dass sich auch ein Wermutstropfen einmischte. Es ging darum, die Zeit von 1982 bis 1990 als „Verdienstzeiten“ anzuerkennen, was Auswirkungen zunächst auf die „Jubiläumsdienstzeit“, später aber auch auf die Rente hat. Dieses nun arbeitsrechtliche Problem war leider gesetzlich nicht geregelt, im Gegenteil, eine strikte Auslegung verbot eine Anerkennung. Aus dem Schriftverkehr ist klar zu erkennen, dass alle unmittelbar Beteiligten von der Ungerechtigkeit so einer Lösung überzeugt waren und gern die Anregung des Richters zu einem Vergleich aufgenommen hätten, doch bedauerlicherweise sträubten sich die Juristen des Wissenschaftsministeriums dagegen, so dass tatsächlich keine befriedigende Lösung zustande kam. Bewundernswert ist, wie Frank Eigenfeld diese Entwicklung mit Ruhe hingenommen hat und es ich in keiner merkbaren Weise auf seine Arbeit für die Universität ausgewirkt hat.

Frank Eigenfeld war eines der markantesten Mitglieder der Universität Halle, öffentlichkeitswirksam nicht primär durch seine fachliche Leistung, die eher dem Fachpublikum bekannt ist, sondern durch seine Haltung, seine Geradlinigkeit und seine Besonnenheit, mit der auch kritische Situationen entschärft werden konnten. Er tolerierte, will heißen, duldete auch abweichende Meinungen, ohne deshalb zu glauben, sie übernehmen zu müssen. Er gehörte zu den leider nur wenigen kritischen Geistern der Universität, der sich nicht scheute, das auch deutlich auszudrücken. Die Universität wird ihm ein ehrendes Angedenken bewahren!

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Frau Karin Keller sowie ihren Mitarbeiterinnen Frau Tabea Schmeitzner und Frau Tabea Janssen vom Universitäts-Archiv Halle-Wittenberg sei herzlich für die schnelle Bereitstellung der Unterlagen sowie für die Unterstützung bei der Recherche gedankt.

Der Autor Prof. Dr. Dr.-Ing. Gunnar Berg war von 1992 bis 1996 Rektor der Martin-Luther-Universität. Von 2010 bis 2020 ist der Physiker Vize-Präsident der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina gewesen.

 

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