Gleichstellung und Digitalisierung: „Die Baustelle wird noch größer“

16.06.2021 von Tom Leonhardt in Wissenschaft
Die Bundesregierung hat in der vergangenen Woche den Dritten Gleichstellungsbericht beschlossen. Er untersucht, wie die Digitalisierung die Gleichstellung von Frauen und Männern beeinflusst und gibt Empfehlungen für die künftige Politikgestaltung. Die Arbeitsrechtlerin Prof. Dr. Katja Nebe von der Uni Halle hat an dem Bericht als Sachverständige mitgewirkt und erklärt im Interview die Hintergründe.
Katja Nebe hat als Sachverständige am Gleichstellungsbericht mitgewirkt.
Katja Nebe hat als Sachverständige am Gleichstellungsbericht mitgewirkt. (Foto: Markus Scholz)

Wie ist es um die Gleichstellung bestellt?
Katja Nebe: Gleichstellung, also Männern und Frauen gleiche Verwirklichungschancen einzuräumen, ist ein Verfassungsauftrag. Das ist gut. Doch wenn wir den Blick vom geschriebenen Recht in die Realität richten, haben wir noch eine große Baustelle vor uns. Und wenn wir uns die Bereiche anschauen, die in Deutschland gerade eine digitale Transformation erfahren, liegt es nahe, dass die Baustelle eher noch größer wird.

Können Sie dafür ein konkretes Beispiel nennen?
Die Entwicklung neuer Medienangebote für Jugendliche ist ein solches Beispiel: Es ist bekannt, dass Vorurteile auch durch Medien geprägt werden. Im Analogen haben wir inzwischen das allgemeine Bewusstsein geschärft. Beim Digitalen ist die große Frage: Wer schaut sich die Angebote und Kanäle an, wer sensibilisiert in diesen Communities und erklärt das Entstehen von Vorurteilen? Und leider zeigt sich, dass sich bestimmte Stereotype wieder verfestigen können: Influencerinnen in den Sozialen Medien beschäftigen sich vorrangig mit Beauty-Themen. Junge Männer werden überwiegend mit Technik, Autos und Kampfsport in Verbindung gesetzt. Mit solchen digitalen Welten sind wir weit von Vielfalt entfernt – das kann überkommen geglaubte Zuschreibungen erneuern und verfestigen und uns gesellschaftlich weit zurückwerfen!

Auch in Bezug auf die digitale Wirtschaft beschreiben Sie eine Vielzahl von Problemfeldern …
Das sind die verschiedenen Baustellen, die wir auf verschiedenen Ebenen angeschaut haben.

"Beim Digitalen ist die große Frage: Wer schaut sich die Angebote und Kanäle an, wer sensibilisiert in diesen Communities und erklärt das Entstehen von Vorurteilen?" - Katja Nebe

Fangen wir bei den Startups an. In der Digitalbranche sind sie wichtige Impulsgeber für die digitale Wirtschaft. Wo gibt es hier Probleme?
In der Digitalbranche arbeiten diejenigen, die neue Informations- und Kommunikationstechnologien entwickeln, die sogenannte IKT-Branche. Die Statistiken zeigen, dass Frauen hier deutlich kürzer als Männer tätig sind. Damit sind Frauen in der ganzen Branche unterrepräsentiert. Wir müssen uns also fragen: Hat das etwas mit Machtstrukturen zu tun oder mit Verdrängungseffekten? Ist die Arbeit hier vereinbar mit Familiengründung? Gemischte Teams sind für die Entwicklung neuer digitaler Produkte wichtig – je breiter dort der Blick und das Vorverständnis ist, umso mehr werden schon vom ersten Entwicklungsschritt an die verschiedensten Anwendungsinteressen von Nutzerinnen und Nutzern in den Blick genommen. Im Grunde geht es aber nicht nur darum, dass Frauen stärker partizipieren, sondern auch Menschen mit einem anderen kulturellen Hintergrund oder Menschen mit Beeinträchtigungen. Ein soziotechnisches Verständnis der Digitalisierung muss schon in der Wiege der Digitalisierung verankert werden.

Sie haben sich auch mit digitalen Plattformen befasst, über die Arbeit vermittelt wird – zum Beispiel Mini- oder sogenannte Clickjobs. Wo sehen Sie hier Schwierigkeiten?
Über diese Plattformen werden nicht nur Minijobs vermittelt, sondern nahezu jede Dienstleistung, auch Handwerks- oder häufiger von Frauen ausgeführte haushaltsnahe Leistungen. Wir vermuten, dass die Plattformarbeit im Moment noch zu viel Gutes verspricht, was sie nicht einhalten kann. Dieser Bereich ist arbeitsrechtlich zu wenig reguliert: Soloselbstständige sind, etwa im Krankheitsfall, bei Erwerbslosigkeit oder im Alter, zu wenig abgesichert. Die Vereinzelung bei der Arbeit erschwert es zudem sehr, sich zu solidarisieren. Betriebsrats- und Gewerkschaftsarbeit steht in diesem Bereich vor massiven Hindernissen. Damit bricht für unsere demokratisch verfasste Wirtschaftsordnung ein struktureller Grundpfeiler weg. Das ist aus meiner Sicht eines der größten Probleme.

Wie ließe sich dieses Problem lösen?
Die Bundesregierung ist sich der sozialpolitischen Reformen, insbesondere der notwendigen Rentenreform bewusst, hat diese aber auch in der jetzigen Legislaturperiode wieder nicht geschafft. Österreich ist besser aufgestellt: Da wurde die Rentenversicherung so erweitert, dass grundsätzlich alle Erwerbstätigen, also Arbeitnehmerinnen und -nehmer wie auch Selbständige einbezogen sind. In Deutschland haben wir noch eine fragmentierte Absicherungskultur im Ständedenken: Architekt*innen, Anwält*innen oder beispielsweise Ärzt*innen haben eigene Versorgungswerke. Sogenannte neue Soloselbständige können sich die eigene Absicherung meist nicht leisten und werden dann altersarme Sozialhilfeempfänger sein.

Liegen die Probleme nur in der Absicherung der Beschäftigten?
Es geht um mehr: Im Unternehmen hat der Arbeitgeber eine Verantwortung gegenüber seinen Beschäftigten. Bei plattformvermittelter Arbeit fällt die Betriebsstätte weg, wenn es etwa um den Schutz vor sexuellen Übergriffen geht. Frauen sind in diesem Bereich viel häufiger betroffen als Männer. Da gibt es bislang keine effektiven Schutzmechanismen. Das muss stärker in den Blick genommen werden.

Darüber hinaus wird in dem Bericht auch gefordert, digitale Kompetenzen sichtbarer zu machen. Was ist damit gemeint?
Das kann ich sehr gut am Beispiel der Universität illustrieren: Wir haben jetzt über ein Jahr fast ausnahmslos digitale Lehre und auch digitale Prüfungen erlebt. Als Lehrende mussten wir uns hierfür sehr viel technisches Know-how aneignen, das wurde von uns erwartet. Doch auch in den Sekretariaten haben sich die Aufgaben massiv verändert. Plötzlich mussten digitale Prüfungsleistungen entgegengenommen und verwaltet werden – alles online. Alle Betroffenen stellt das vor hohe Anforderungen an das Verständnis von digitalen Arbeitsprozessen. Das spiegelt sich aber nicht in den Ausbildungsinhalten, den Tätigkeitsdarstellungen und auch nicht in den tariflichen Eingruppierungen wider. Die Bewertung und Abbildung dieser digitalisierten Tätigkeiten ist eine künftige Aufgabe der Arbeitgeber, der Tarifparteien, die die Verträge aushandeln, und der Personal- und Betriebsräte, die deren Einhaltung vor Ort überwachen.

Ein weiteres Thema ist digitale Gewalt – hier gibt es ein großes Gefälle zwischen Frauen und Männern.
Ja. Und wenngleich das nicht mein Spezialgebiet ist: Die Daten zeigen, dass Frauen viel häufiger die Empfängerinnen von Hassbotschaften und sexualisierter Gewalt im Netz sind. Die Gründe dafür sind vielfältig. Das hat etwas damit zu tun, welche Kulturen sich im Netz durchsetzen, was durch Algorithmen besonders oft gezeigt wird. Hier müssen wir stärker untersuchen und dann auch schnell reagieren, damit Strafverfolgungsbehörden auch eine Kompetenz haben, solche Taten aufzudecken und zu verfolgen. Wenn dieses Problem zu lange unkontrolliert und unbeobachtet bleibt, werden Frauen aus dem öffentlichen Diskurs verdrängt.

Wir haben bisher vor allem über negative Aspekte der digitalen Arbeit und Wirtschaft gesprochen …
Digitalisierte Wirtschaft, speziell das mobile Arbeiten, eröffnet auch Chancen! Wir haben während der Pandemie fast alle erlebt, was es heißt, flexibler zu arbeiten. Das hat trotz aller Mehrbelastung auch neue Freiheiten eröffnet. Jetzt müssen wir schauen, was wir nach der Pandemie erhalten und verbessern können: Wie lässt sich das Angebot perspektivisch so gestalten, dass es alle nutzen können, egal ob Frauen oder Männer oder Menschen mit Beeinträchtigungen? Und wie stellen wir sicher, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die nicht jeden Tag im Büro sind, keine Nachteile davon haben? Das sind Themen, die uns alle angehen. Letztlich schärft der Blick auf die Gleichstellung auch die Sensibilität für eine menschengerecht gestaltete digitale Arbeitswelt.

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