Forschung, die Klick macht

13.04.2022 von Tom Leonhardt in Wissenschaft, Forschung
Familien sind notorisch schwer zu erforschen. Die wenigsten dürften Interesse daran haben, beim gemeinsamen Essen oder bei Familienfesten beobachtet und analysiert zu werden. Für ein neues Projekt der Universität Halle kommt jetzt ein in der Forschung ungewöhnliches Werkzeug zum Einsatz: Einwegkameras.
Hagen Findeis mit dem Forschungswerkzeug des neuen Projekts: einer Einwegkamera
Hagen Findeis mit dem Forschungswerkzeug des neuen Projekts: einer Einwegkamera (Foto: Markus Scholz)

Wie haben Sie das vergangene Weihnachtsfest gefeiert? Gibt es Themen, über die Sie streiten, wenn Ihre Familie zusammenkommt? Was macht Ihre Familie besonders? Es sind Fragen wie diese, mit denen sich das Team von Dr. Hagen Findeis von der Theologischen Fakultät einem bislang noch recht unerforschtem Thema nähern will: dem Zusammenspiel von Familien, Werten und Religiosität. Viele große Themen werden zum Beispiel beim Familienessen ausgehandelt – von Fragen zum Umgang mit Geflüchteten bis zu Religion. Das Besondere sei, so der Forscher, dass vieles relativ frei besprochen werden könnte. Nur weil hier womöglich konträre Meinungen aufeinandertreffen, bedeute das nicht zwangsläufig eine Spaltung. Schließlich haben Familien eine gemeinsame Geschichte, einen gemeinsamen Kern. „Die Erfahrungen der Eltern genießen bei den Kindern für ihre Orientierung in der Welt einen hohen Stellenwert“, sagt er weiter. Egal, ob man sich im späteren Leben bewusst für oder gegen ein Leben wie das der eigenen Herkunftsfamilie entscheidet – die Zeit im Elternhaus stellt einen zentralen Bezugs- und Orientierungspunkt für die eigene Entwicklung dar. Findeis spricht deshalb von der „primären Sozialisationsarena“ und der „Prägekraft der Familien“.

Hochgeschätzt, wenig erforscht

Und dennoch: Wie diese Werte in Familien entstehen und sich verändern, ist bislang wenig untersucht. „Familien sind hochgeschätzt, bislang gibt es aber nur wenig qualitative empirische Familienforschung, speziell zu religiösen Bezügen. Das liegt daran, dass Familie ein sehr intimes Thema und ihre Erforschung besonders voraussetzungsvoll ist“, so Findeis. Zwar gibt es unzählige Statistiken, die Auskunft über die Beschaffenheit von Familien geben: Anzahl der Familienmitglieder, Herkunft, Bildungsgrad, Einkommen – alles, was gemessen oder abgefragt werden kann. Doch die Prozesse, die innerhalb einer Familie ablaufen und ihr Selbstverständnis ausmachen, werden dabei nicht beschrieben.
An dieser Stelle setzt das neue Projekt an, das die Deutsche Forschungsgemeinschaft in den kommenden drei Jahren mit rund 440.000 Euro fördert. Im Zentrum stehen Drei-Generationen-Familien: Großeltern, Eltern und deren Kinder ab dem Jugendalter. Anhand von Einzelinterviews will das Team in einem ersten Schritt herausfinden, was die Personen jeweils unabhängig voneinander sagen, was sie als Familie ausmacht. Dabei gehe es zum Beispiel auch darum, welche Werte die älteren Generationen gern an die jüngeren weitergeben wollen und wie letztere damit umgehen oder ob und wie die Familien gemeinsame Feste begehen, erklärt Projektleiter Findeis. Schließlich könnten solche Wertbildungsprozesse etwas sein, das die Familie als Ganzes stärkt. Oder ein Quell für ständige Streitereien.

Und hier kommen Einwegkameras ins Spiel: Alle Beteiligten erhalten die Apparate mit der Aufforderung, typische oder auch besondere Momente im Familienleben für einige Monate damit festzuhalten. Sie sollen im Anschluss als Grundlage für moderierte Gespräche mit der gesamten Familie dienen. „Für uns ist interessant zu sehen, welche Momente die Familienmitglieder als besonders typisch auswählen“, sagt Findeis. Man habe bewusst auf den Einsatz von Smartphones verzichtet. „Durch die Einmaligkeit einer fixen Anzahl möglicher Bilder entstehen für alle Probanden gleiche Bedingungen und ein Spannungsbogen, bis man die Fotos beim Familiengespräch anschauen kann.“

Wie entsteht Glaube?

Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheint, hat das Projekt einen theologischen Hintergrund: Im Kern geht es dem Team um die Frage, welche Rolle Glauben in ostdeutschen Familien spielt, wie er entsteht und wie er sich verändert. Der Fokus auf die neuen Bundesländer kommt dabei nicht von ungefähr. Zwar geht die Zahl der Kirchenmitglieder in Deutschland insgesamt zurück: 2020 waren nur noch etwa 51 Prozent der Deutschen evangelisch oder katholisch konfessionell gebunden – ein neuer Tiefstand, wie eine Erhebung der Evangelischen Kirche Deutschlands zeigt. Doch im Osten sind die Zahlen noch einmal deutlich niedriger. In Sachsen-Anhalt sind gerade einmal 14,7 Prozent der Menschen christlich konfessionell, Spitzenreiter ist Thüringen mit 27,6 Prozent. In allen ostdeutschen Bundesländern ist die Zahl in den vergangenen Jahren kontinuierlich gesunken.

„Die christliche Religion läuft Gefahr, den sozialen Anschluss zu verlieren“, konstatiert auch Hagen Findeis. Die Frage, wie die Kirche ihre Strukturen und Angebote anpassen müsste, um mehr Menschen zu erreichen, sei indes keineswegs neu. Seit den 1960er Jahren werde darüber diskutiert. Allerdings, sagt der Theologe, habe man bei vielen Maßnahmen bislang vor allem das Individuum im Blick gehabt und nicht die Familie im Zusammenhang ihrer Generationen. Folgt man dem Gedanken des Projekts, müsste sich die Kirche viel stärker fragen: Wie funktioniert eine Familie, wie erreichen wir sie und was braucht sie von uns?

Um möglichst vielfältige und authentische Antwortansätze zu erhalten, untersucht das Projekt keineswegs nur Familien mit bibelfesten Christinnen und Christen. „Wir wollen der Alltagsrelevanz von Religion im Familienleben nachspüren. Das ist sehr subtil und es wäre falsch, nur christliche Familien zu untersuchen oder den Fokus darauf zu legen“, sagt Findeis.

Die Ergebnisse sind deshalb nicht nur für Kirchen interessant, sondern für alle „gesellschaftlichen Sinnproduzenten“, zum Beispiel auch den Humanistischen Verband oder die politische Bildung, wie Findeis sagt. Schließlich hätten alle zivilgesellschaftlichen wie auch staatlichen Akteure die gleiche Herausforderung: die Menschen direkt zu erreichen und zum Handeln zu bewegen. Und auch die Familien könnten von der Teilnahme profitieren: „Das Projekt bietet die Gelegenheit, sich über familiäre Werte und die eigene Verortung in der Welt zu verständigen und auszutauschen. Das ist bereichernd und kommt im Alltag oft zu kurz.“

Dr. Hagen Findeis
Theologische Fakultät
Tel.: +49 345 55-23035
E-Mail: hagen.findeis@theologie.unihalle.de

https://religiositaet-in-ostdeutschland.theologie.uni-halle.de/

Schlagwörter

Theologie

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