„Ein Stück Normalität“: Studierende gestalten Ausstellung im Kupferstichkabinett

22.04.2021 von Katrin Löwe in Campus, Studium und Lehre, Varia
Ein Semester lang haben Studierende an einer Ausstellung zu alten Handschriften und Buchkultur gearbeitet. In dieser Woche wurde sie unter dem Titel „Verborgene Schätze. Mittelalterliche Bücher aus der Universitäts- und Landesbibliothek“ im Kupferstichkabinett im Löwengebäude aufgebaut – trotz Corona-Pandemie. Besucht werden kann die Ausstellung nur uniintern und nach vorheriger Anmeldung, allerdings wird es auch eine virtuelle Variante geben.
Dozentin Andrea Seidel (links) und Studentin Tabea Gibbert vor einer der Vitrinen der neuen Ausstellung
Dozentin Andrea Seidel (links) und Studentin Tabea Gibbert vor einer der Vitrinen der neuen Ausstellung (Foto: Markus Scholz)

Am Anfang steht die Bibel, wie einst schon in jeder Klosterbibliothek. Es sind Fragmente aus dem 9. Jahrhundert, die in der ersten Vitrine im Kupferstichkabinett im Löwengebäude gezeigt werden. Zwei handbeschriebene Seiten mit einer interessanten Vergangenheit: Sie sind jeweils in der Mitte durchtrennt. „Heute würde man dazu sagen: modernes Recyceln“, erklärt Dr. Andrea Seidel vom Germanistischen Institut. Genutzt wurden die Bibeln als solche nicht mehr, „aber man warf nichts weg im Mittelalter. Die Seiten dienten noch als Buchbindematerial zur Stabilisierung von Büchern.“

Nun sind sie Teil einer Ausstellung mit einzigartigen, bisher noch nie gezeigten und zum Teil nicht vollständig erforschten Handschriften und Inkunabeln aus dem Bestand der Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt (ULB). Zu Beginn dieser Woche wurde die Schau aufgebaut, Corona zum Trotz. Sie ist das Ergebnis des Seminars „Buch- und Schreibkultur im Mittelalter – vom Objekt zur Ausstellung“, in dem sich elf Studierende der Germanistik, Geschichte und Kunstgeschichte im vergangenen Wintersemester mit den Grundlagen von Konzeption, Vorbereitung und Durchführung einer Ausstellung befasst haben.

Als das Seminar auf Initiative von Dr. Claudia Wittig (Geschichte) geplant wurde, hatten alle Beteiligten die Hoffnung, dass am Ende eine ganz normale Ausstellung stehen wird, sagt Seidel. Doch die Einschränkungen durch die Corona-Pandemie blieben länger als erwartet. Den Studierenden und ihren Dozentinnen – neben Seidel und Wittig auch Prof. Dr. Ute Engel (Kunstgeschichte) – haben sie dennoch nur bedingt einen Strich durch die Rechnung gemacht. Zum einen durften sie in Kleinstgruppen die Original-Ausstellungsstücke noch vor dem Lockdown Ende 2020 in der ULB anschauen. Zum anderen wurde die Ausstellung von der ULB und mit Unterstützung der Zentralen Kustodie, welche unter anderem für Plakate und Banner sorgte, tatsächlich aufgebaut. Und das, noch bevor entschieden war, ob sie Besucher haben darf. Das gehöre zum Seminar einfach dazu, so Seidel. Zudem sei die Hoffnung geblieben, sie für Uni-Angehörige nach Anmeldung öffnen zu können und damit zu zeigen: „Auch in diesen ungewöhnlichen Zeiten gibt es ein Stück Normalität.“ Die Genehmigung für diese eingeschränkte Öffnung bis zum 20. Mai hat das Rektorat am Dienstag erteilt.

Darüber hinaus wird es eine virtuelle Ausstellung geben, maßgeblich von Dr. Julia Knödler, Leiterin der Historischen Sammlungen der ULB, und der Masterstudentin der Germanistik und Kunstgeschichte Theresa Pohl organisiert. Dafür wurden nicht nur die Ausstellungsstücke digitalisiert, es wurde auch eine Art digitale Führung vorbereitet, so Pohl. „Das funktioniert wie eine Bildergeschichte.“ Die virtuelle Ausstellung wird voraussichtlich ab Mitte nächster Woche über die Plattform „Google Arts & Culture“ zu sehen sein.

Heute findet im Kreis der Seminarbeteiligten eine Vernissage der Ausstellung im Löwengebäude statt. Vor Ort bietet sich für Besucher ein Gesamteindruck, inklusive des Schmückenden in den Vitrinen. Neben den erwähnten Bibelfragmenten enthält die Ausstellung auch Schriften aus der Liturgie, der Wissenschaft, der Rechtsprechung, Geschichtsschreibung und Literatur. Germanistik-Studentin Tabea Gibbert hat sich dafür sowohl mit den Blättern aus der Heiligen Schrift als auch mit Fabeln von Äsop (6. Jahrhundert v.Chr.) und dem Trojanerkrieg, einer Dichtung des Konrad von Würzburg (13. Jahrhundert), befasst, von der es in der ULB zwei Blätter gibt. Eine große Herausforderung sei gewesen, die Begleittexte für die Ausstellung zu formulieren, sagt die 24-Jährige. „Normalerweise schreiben wir Hausarbeiten, in der Regel längere Texte. Das ging hier nicht“, sagt sie. Noch dazu wurden sie nicht für die Dozentinnen, sondern für Publikum verfasst – wie groß das auch immer das in diesen Tagen sein mag.

Besuch einzeln und nach Anmeldung

Anmeldungen - ausschließlich von Universitätsangehörigen - sind mit der Angabe von Kontaktdaten unter der Mailadresse kustodie@uni-halle.de möglich. Für den Besuch gelten verschiedene Hygieneauflagen wie das Tragen eines medizinischen Mund-Nase-Schutzes und das Desinfizieren der Hände. Zudem darf sich nur jeweils eine Person im Kupferstichkabinett aufhalten. Geöffnet ist dienstags bis donnerstags von 9 bis 16 Uhr.

Ausstellungsort:

Zentrale Kustodie
Universitätsplatz 11 (Löwengebäude)
Kupferstichkabinett
06108 Halle

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