Zwischen „Bonzenschule“ und „Gymnasium für Arme“

13.10.2017 von Tom Leonhardt in Im Fokus, Forschung
Gute Bildung ist der Schlüssel zum Erfolg. Deshalb suchen Eltern nach den besten Schulen für ihre Kinder und Schulleiter bemühen sich um einen exzellenten Ruf ihrer Einrichtung. Das Ausmaß dieser Entwicklungen und die Bedeutung für die Gesellschaft untersucht seit 2011 die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Forschergruppe 1612 „Mechanismen der Elitebildung“ an der Uni Halle. Im Interview fassen die Sprecher der Gruppe Prof. Dr. Werner Helsper und Prof. Dr. Heinz-Hermann Krüger ausgewählte Ergebnisse zusammen.
Werner Helsper (links) und Heinz-Hermann Krüger leiten die DFG-Forschergruppe.
Werner Helsper (links) und Heinz-Hermann Krüger leiten die DFG-Forschergruppe. (Foto: Maike Glöckner)

Gibt es in Deutschland viele Eliteschulen?
Werner Helsper: Das kommt darauf an, was man unter Elite versteht. Gerade im Bildungssystem ist der Begriff aber sehr heikel. Eine Hierarchie zwischen Bildungsinstitutionen ist historisch keineswegs neu. Aber in den letzten beiden Jahrzehnten zeichnen sich etwa im Bereich der Internationalisierung neue Entwicklungen ab. Ebenso in der Gründung von Hochbegabteninternaten. Und der Trend zur privaten Schulen nimmt deutlich zu.

Wieso ist der Elitebegriff so heikel?
Heinz-Hermann Krüger: Der Elitebegriff ist im Bildungswesen prekär, weil er nahelegt, dass Schulen nicht über Leistung, sondern über soziale Privilegien funktionieren. So gibt es etwa Schulen, die nicht als „Bonzengymnasien“ etikettiert werden wollen. Zu denen fanden wir keinen Forschungszugang, weil vermutet wurde, dass wir genau in diese Kerbe schlagen wollten. Anders ist es zum Beispiel bei Sportschulen, weil sich Elite hier auf sportliche Höchstleistungen bezieht. Elite im Sinne von Exzellenz ist unproblematisch. Sobald der Begriff aber auf soziale Privilegien abzielt, haben die Schulen ein Problem damit.

Ihre Studien analysieren aber nicht nur Gymnasien oder Hochschulen. Sie fangen bereits beim Kindergarten an. Wieso?
Helsper: Weil wir die Entwicklungen im Bereich exklusiver Bildungsinstitutionen im ganzen Bildungssystem und auch die Unterschiede zwischen den Teilbereichen in den Blick nehmen wollen. Der Kindergarten ist  als entscheidender Bildungsraum in den letzten Jahren „entdeckt“ worden. Eltern fragen eher danach, welche Bildungsangebote die Kindergärten unterbreiten. Das ist für hochpreisige kommerzielle Kindergärten selbstverständlich, bei denen finanziell besser gestellte, hochmobile Eltern als „Kunden“ auftreten und gewisse Privilegien einfordern können. Generell ist der Druck auf die Eltern bei der Wahl des Kindergartens aber noch nicht so groß.

Bei den Grundschulen ist das aber anders …
Krüger: Wenn Sie am Bahnhof in eine Buchhandlung gehen, finden Sie heute sehr viele Ratgeber zum Thema: Auf welche Grundschule soll ich mein Kind schicken? Das zeigt, dass der Druck hier schon größer wird, die beste Schule für das eigene Kind auszuwählen. In vielen Bundesländern gibt es aber das Schulsprengelprinzip – Kinder müssen die Schule ihres Bezirks besuchen. Bekannt ist die Strategie von Eltern fiktive Umzüge zu inszenieren, damit das Kind eine andere Einrichtung mit besserem Ruf besuchen kann. Andererseits nimmt die Zahlen von Grundschulen in privater Trägerschaft deutlich zu. Deren Wahl ist nicht an den Schulbezirk gebunden.

Welche Rolle spielen diese privaten Schulen?
Helsper: Mit jeder neuen privaten Schule – ausgenommen die Neugründung von privaten Grundschulen, die als Folge der Schließung öffentlicher Schulen entstehen – entsteht für bildungsinteressierte Eltern eine neue Möglichkeit, ihr Kind über die Schulwahl zu platzieren. Für einen Teil der Eltern ist das durchaus ein Problem: Einerseits wollen sie das Beste für ihr Kind. Sie wissen aber auch, dass sie eine soziale Entmischung befördern, wenn sie ihr Kind auf eine privilegierte Schule und nicht auf die Grundschule nebenan schicken.

Heinz-Hermann Krüger
Heinz-Hermann Krüger
(Foto: Maike Glöckner)

Wie sieht es mit dem Übergang nach der Grundschule in Gymnasien aus?
Krüger: Ein generelles Ergebnis der Bildungsforschung ist die nach wie vor bestehende deutliche Bildungsungleichheit beim Übergang auf das Gymnasium. Es gibt auch große Unterschiede zwischen städtischen und ländlichen Regionen. Ein Gymnasium in einer ländlichen Lage hat keine Konkurrenz, weil das nächste Gymnasium weit entfernt ist. Internationale Schulen brauchen dagegen immer eine Anbindung an eine Metropole, in der ein international mobiles Management ansässig ist. Davon gibt es im Osten Deutschlands nicht so viele Städte.

Können Sie uns eine städtische Region beschreiben, die Sie untersucht haben?
Helsper: Unsere Großstadt in den alten Bundesländern hat mit circa 20 Gymnasien, einer internationalen Schule, einigen Gesamtschulen und einer Waldorfschule eine ausdifferenzierte höhere Schullandschaft. Interessant ist die Sicht der Schulleiter: Sie differenzieren ihre Schülerschaft entlang einer S-Bahnlinie, die die Stadt in eher privilegierte und unterprivilegierte Stadtteile trennt. Auf der einen Seite werden die Schüler als wenig gymnasialtauglich wahrgenommen. Auf der anderen Seite scheinen sie alles mitzubringen, wovon Schulleiter und Lehrer träumen. Das „Schülermaterial“ ist also ihrer Meinung nach ungleich verteilt.

Ist das in den neuen Bundesländern auch so?
Helsper: Die Situation ist eine andere: Aufgrund der Schulschließungen und -fusionierungen muss kein Gymnasium um seine Existenz bangen. Dafür erscheint der Konkurrenzkampf um die Schüler noch stärker. Spezial- und private Gymnasien haben Auswahlverfahren, bei denen es darum geht, die Besten für diese anspruchsvollen Schulen zu bekommen. Andere Schulen nehmen das im Extremfall so wahr, als seien sie eine Art „Restgymnasium“ oder „Gymnasium für Arme“. Das zeigt, wie stark – auch ohne offizielle Schulrankings – Hierarchien zwischen den Gymnasien entworfen werden. Dabei sind alle Gymnasien doch privilegierte Bildungsinstitutionen.

Wie gehen die Schulen mit dieser Situation um?
Krüger: Für das ganze Bildungssystem gilt: Internationalisierung wird ein neuer Qualitätsstandard, in den Hochschulen wohl am stärksten. Für alle höheren Schulen wächst der Druck, sich um Austauschprogramme, Schulpartnerschaften mit interessanten Orten, spezielle Bildungszweige und Sprachunterricht mit Muttersprachlern zu bemühen. In der Literatur wird das als doppelte Internationalisierung beschrieben. Die eine Seite kann als privilegierte Internationalisierung bezeichnet werden. Die andere ist eine vermeintlich zu vermeidende Internationalisierung, etwa Schulen mit einem hohen Migrantenanteil. In Berlin gibt es für Grundschulen und auch Gymnasien eine Statistik zum prozentualen Anteil von Schülern mit Migrationshintergrund.

Werner Helsper
Werner Helsper
(Foto: Maike Glöckner)

Welche Folgen hat das für den Gedanken der Inklusion?
Helsper: Die Debatte um die Stärkung von Bildungsgleichheit, wozu Inklusion gehört, ist sehr bedeutsam. Die Schulen, die wir untersuchen, haben in diesem Sinne aber wenig damit zu tun. Sie exkludieren ja gerade und es sind – etwa in den christlichen Gymnasien – dann höchstens Schüler mit körperlichen Beeinträchtigungen, die auch aufgenommen werden. Inklusion wird eher von jenen Schulen getragen, die bisher schon viele pädagogische Herausforderungen bezüglich ihrer Schülerschaft bewältigen müssen.

Über eine Gruppe haben wir bisher noch nicht gesprochen …
Krüger: Die Schüler.

… zeigen sich die Unterschiede zwischen Schulen auch bei den Schülern?
Krüger: Durchaus. Sehr deutlich an den exklusiven Gymnasien. Die Schüler dort verwenden ihre Schule, um sich nach außen abzugrenzen und aufzuwerten, selbst wenn sie nicht zur Leistungsspitze gehören. In internationalen Schulen gibt es auch eine nach innen gerichtete Unterscheidung: Zum Beispiel zwischen denen, die die international mobile Klientel darstellen und zwischen den Kindern mit reichen, deutschen Eltern, die ihren Kindern mit hohem Finanzaufwand eine bessere Chance auf einen internationalen Abschluss und ein Studium an einer internationalen Elitehochschule geben wollen.

Worin zeigen sich diese Entwicklungen beispielsweise noch?
Helsper: Es gibt eine Tendenz zur Versäulung: Bereits im Grundschulbereich gibt es Schulen mit internationaler, konfessioneller oder zum Beispiel reformpädagogischer Ausrichtung. Darauf satteln dann die dazugehörigen Gymnasien oder auch neu gegründete Gemeinschaftsschulen auf, die ihre Schüler vor allem aus diesen Schulen und den sie anwählenden Milieus rekrutieren.

Wie wird sich das Bildungssystem weiter entwickeln?
Helsper: Damit verlasse ich jetzt das Terrain wissenschaftlicher Erkenntnis: Es gibt eine deutliche Tendenz zu einem zweisäuligen Bildungssystem. Die Hauptschule wird es, auch wo es sie jetzt noch gibt, demnächst nicht mehr geben. Und auch die zweite Säule neben dem Gymnasium kann zum Abitur führen. Das bietet Chancen für mehr Bildungsgleichheit. Das kann aber auch, wie wir in unseren Forschungen sehen, zu einer größeren Differenzierung in den höheren Bildungsbereichen führen, so dass sich parallel dazu neue Bildungshierarchien entwickeln.

Kontakt: Prof. Dr. Werner Helsper
Schulpädagogik der Sekundarstufen
Telefon: +49 345 55-23810
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Prof. Dr. Heinz-Hermann Krüger
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Weitere Informationen auf der Website der Forschergruppe

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